Seite - 721 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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weitergeführt hätte. Solche Vorgänge werden also im sekundären Denken sorgfältig vermieden.
Es ist auch nicht schwer zu übersehen, daß das Unlustprinzip dem Denkvorgang, welchem es
sonst die wichtigsten Anhaltspunkte bietet, auch Schwierigkeiten in der Verfolgung der
Denkidentität in den Weg legt. Die Tendenz des Denkens muß also dahin gehen, sich von der
ausschließlichen Regulierung durch das Unlustprinzip immer mehr zu befreien und die
Affektentwicklung durch die Denkarbeit auf ein Mindestes, das noch als Signal verwertbar ist,
einzuschränken. Durch eine neuerliche Überbesetzung, die das Bewußtsein vermittelt, soll diese
Verfeinerung der Leistung erzielt werden. Wir wissen aber, daß diese selbst im normalen
Seelenleben selten vollständig gelingt und daß unser Denken der Fälschung durch die
Einmengung des Unlustprinzips immer zugänglich bleibt.
Aber nicht dies ist die Lücke in der Funktionstüchtigkeit unseres seelischen Apparats, durch
welche es möglich wird, daß Gedanken, die sich als Ergebnisse der sekundären Denkarbeit
darstellen, dem primären psychischen Vorgang verfallen, mit welcher Formel wir jetzt die zum
Traume und zu den hysterischen Symptomen führende Arbeit beschreiben können. Der Fall von
Unzulänglichkeit ergibt sich durch das Zusammentreffen zweier Momente aus unserer
Entwicklungsgeschichte, von denen das eine ganz dem seelischen Apparat anheimfällt und einen
maßgebenden Einfluß auf das Verhältnis der beiden Systeme ausgeübt hat, das andere im
wechselnden Betrage zur Geltung kommt und Triebkräfte organischer Herkunft ins Seelenleben
einführt. Beide stammen aus dem Kinderleben und sind ein Niederschlag der Veränderung, die
unser seelischer und somatischer Organismus seit den infantilen Zeiten erfahren hat.
Wenn ich den einen psychischen Vorgang im Seelenapparat den primären benannt habe, so tat
ich dies nicht allein mit Rücksicht auf die Rangordnung und Leistungsfähigkeit, sondern durfte
auch die zeitlichen Verhältnisse bei der Namengebung mitsprechen lassen. Ein psychischer
Apparat, der nur den Primärvorgang besäße, existiert zwar unseres Wissens nicht und ist
insoferne eine theoretische Fiktion; aber soviel ist tatsächlich, daß die Primärvorgänge in ihm von
Anfang an gegeben sind, während die sekundären erst allmählich im Laufe des Lebens sich
ausbilden, die primären hemmen und überlagern und ihre volle Herrschaft über sie vielleicht erst
mit der Lebenshöhe erreichen. Infolge dieses verspäteten Eintreffens der sekundären Vorgänge
bleibt der Kern unseres Wesens, aus unbewußten Wunschregungen bestehend, unfaßbar und
unhemmbar für das Vorbewußte, dessen Rolle ein für allemal darauf beschränkt wird, den aus
dem Unbewußten stammenden Wunschregungen die zweckmäßigsten Wege anzuweisen. Diese
unbewußten Wünsche stellen für alle späteren seelischen Bestrebungen einen Zwang dar, dem sie
sich zu fügen haben, den etwa abzuleiten und auf höher stehende Ziele zu lenken sie sich
bemühen dürfen. Ein großes Gebiet des Erinnerungsmaterials bleibt auch infolge dieser
Verspätung der vorbewußten Besetzung unzugänglich.
Unter diesen aus dem Infantilen stammenden, unzerstörbaren und unhemmbaren
Wunschregungen befinden sich nun auch solche, deren Erfüllungen in das Verhältnis des
Widerspruchs zu den Zielvorstellungen des sekundären Denkens getreten sind. Die Erfüllung
dieser Wünsche würde nicht mehr einen Lust-, sondern einen Unlustaffekt hervorrufen, und eben
diese Affektverwandlung macht das Wesen dessen aus, was wir als »Verdrängung« bezeichnen.
Auf welchem Wege, durch welche Triebkräfte eine solche Verwandlung vor sich gehen kann,
darin besteht das Problem der Verdrängung, das wir hier nur zu streifen brauchen. Es genügt uns
festzuhalten, daß eine solche Affektverwandlung im Laufe der Entwicklung vorkommt (man
denke nur an das Auftreten des anfänglich fehlenden Ekels im Kinderleben) und daß sie an die
Tätigkeit des sekundären Systems geknüpft ist. Die Erinnerungen, von denen aus der unbewußte
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin