Seite - 723 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Beweisbare hinausgegangen bin[233]. Ich will auch nicht weiter untersuchen, worin der
Unterschied im Spiel der psychischen Kräfte bei der Traumbildung und bei der Bildung der
hysterischen Symptome gelegen ist; es fehlt uns ja hiezu die genauere Kenntnis des einen der in
Vergleich zu bringenden Glieder. Aber auf einen anderen Punkt lege ich Wert und schicke das
Bekenntnis voraus, daß ich nur dieses Punktes wegen all die Erörterungen über die beiden
psychischen Systeme, ihre Arbeitsweisen und die Verdrängung hier aufgenommen habe. Es
kommt jetzt nämlich nicht darauf an, ob ich die in Rede stehenden psychologischen Verhältnisse
annähernd richtig oder, wie bei so schwierigen Dingen leicht möglich, schief und lückenhaft
aufgefaßt habe. Wie immer die Deutung der psychischen Zensur, der korrekten und der abnormen
Bearbeitung des Trauminhalts sich verändern mag, es bleibt gültig, daß solche Vorgänge bei der
Traumbildung wirksam sind und daß sie die größte Analogie im wesentlichen mit den bei der
hysterischen Symptombildung erkannten Vorgängen zeigen. Nun ist der Traum kein
pathologisches Phänomen; er hat keine Störung des psychischen Gleichgewichts zur
Voraussetzung; er hinterläßt keine Schwächung der Leistungsfähigkeit. Der Einwand, daß meine
Träume und die meiner neurotischen Patienten nicht auf die Träume gesunder Menschen
schließen lassen, dürfte wohl ohne Würdigung abzuweisen sein. Wenn wir also aus den
Phänomenen auf deren Triebkräfte schließen, so erkennen wir, daß der psychische Mechanismus,
dessen sich die Neurose bedient, nicht erst durch eine das Seelenleben ergreifende krankhafte
Störung geschaffen wird, sondern in dem normalen Aufbau des seelischen Apparats bereitliegt.
Die beiden psychischen Systeme, die Übergangszensur zwischen ihnen, die Hemmung und
Überlagerung der einen Tätigkeit durch die andere, die Beziehungen beider zum Bewußtsein –
oder was eine richtigere Deutung der tatsächlichen Verhältnisse an deren Statt ergeben mag –;
das alles gehört zum normalen Aufbau unseres Seeleninstruments, und der Traum zeigt uns einen
der Wege, die zur Kenntnis der Struktur desselben führen. Wenn wir uns mit einem Minimum
von völlig gesichertem Erkenntniszuwachs begnügen wollen, so werden wir sagen, der Traum
beweist uns, daß das Unterdrückte auch beim normalen Menschen fortbesteht und psychischer
Leistungen fähig bleibt. Der Traum ist selbst eine der Äußerungen dieses Unterdrückten; nach der
Theorie ist er es in allen Fällen, nach der greifbaren Erfahrung wenigstens in einer großen
Anzahl, welche die auffälligen Charaktere des Traumlebens gerade am deutlichsten zur Schau
trägt. Das seelisch Unterdrückte, welches im Wachleben durch die gegensätzliche Erledigung der
Widersprüche am Ausdruck gehindert und von der inneren Wahrnehmung abgeschnitten wurde,
findet im Nachtleben und unter der Herrschaft der Kompromißbildungen Mittel und Wege, sich
dem Bewußtsein aufzudrängen.
»Flectere si nequeo superos, Acheronta movebo.
Die Traumdeutung aber ist die Via regia zur Kenntnis des Unbewußten im Seelenleben.
Indem wir der Analyse des Traums folgen, bekommen wir ein Stück weit Einsicht in die
Zusammensetzung dieses allerwunderbarsten und allergeheimnisvollsten Instruments, freilich nur
ein kleines Stück weit, aber es ist damit der Anfang gemacht, um von anderen – pathologisch zu
heißenden – Bildungen her weiter in die Zerlegung desselben vorzudringen. Denn die Krankheit
– wenigstens die mit Recht funktionell genannte – hat nicht die Zertrümmerung dieses Apparats,
die Herstellung neuer Spaltungen in seinem Innern zur Voraussetzung; sie ist dynamisch
aufzuklären durch Stärkung und Schwächung der Komponenten des Kräftespiels, von dem so
viele Wirkungen während der normalen Funktion verdeckt sind. An anderer Stelle könnte noch
gezeigt werden, wie die Zusammensetzung des Apparats aus den beiden Instanzen eine
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin