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Das Unbewußte und das Bewußtsein
Die Realität
Wenn wir genauer zusehen, ist es nicht der Bestand von zwei Systemen nahe dem motorischen
Ende des Apparats, sondern von zweierlei Vorgängen oder Ablaufsarten der Erregung, deren
Annahme uns durch die psychologischen Erörterungen der vorstehenden Abschnitte nahegelegt
wurde. Es gälte uns gleich; denn unsere Hilfsvorstellungen fallenzulassen, müssen wir immer
bereit sein, wenn wir uns in der Lage glauben, sie durch etwas anderes zu ersetzen, was der
unbekannten Wirklichkeit besser angenähert ist. Versuchen wir es jetzt, einige Anschauungen
richtigzustellen, die sich mißverständlich bilden konnten, solange wir die beiden Systeme im
nächsten und rohesten Sinne als zwei Lokalitäten innerhalb des seelischen Apparats im Auge
hatten, Anschauungen, die ihren Niederschlag in den Ausdrücken »verdrängen« und
»durchdringen« zurückgelassen haben. Wenn wir also sagen, ein unbewußter Gedanke strebe
nach Übersetzung ins Vorbewußte, um dann zum Bewußtsein durchzudringen, so meinen wir
nicht, daß ein zweiter, an neuer Stelle gelegener Gedanke gebildet werden soll, eine Umschrift
gleichsam, neben welcher das Original fortbesteht; und auch vom Durchdringen zum Bewußtsein
wollen wir jede Idee einer Ortsveränderung sorgfältig ablösen. Wenn wir sagen, ein vorbewußter
Gedanke wird verdrängt und dann vom Unbewußten aufgenommen, so könnten uns diese dem
Vorstellungskreis des Kampfes um ein Terrain entlehnten Bilder zur Annahme verlocken, daß
wirklich in der einen psychischen Lokalität eine Anordnung aufgelöst und durch eine neue in der
anderen Lokalität ersetzt wird. Für diese Gleichnisse setzen wir ein, was dem realen Sachverhalt
besser zu entsprechen scheint, daß eine Energiebesetzung auf eine bestimmte Anordnung verlegt
oder von ihr zurückgezogen wird, so daß das psychische Gebilde unter die Herrschaft einer
Instanz gerät oder ihr entzogen ist. Wir ersetzen hier wiederum eine topische Vorstellungsweise
durch eine dynamische; nicht das psychische Gebilde erscheint uns als das Bewegliche, sondern
dessen Innervation[235].
Dennoch halte ich es für zweckmäßig und berechtigt, die anschauliche Vorstellung der beiden
Systeme weiter zu pflegen. Wir weichen jedem Mißbrauch dieser Darstellungsweise aus, wenn
wir uns erinnern, daß Vorstellungen, Gedanken, psychische Gebilde im allgemeinen überhaupt
nicht in organischen Elementen des Nervensystems lokalisiert werden dürfen, sondern sozusagen
zwischen ihnen, wo Widerstände und Bahnungen das ihnen entsprechende Korrelat bilden. Alles,
was Gegenstand unserer inneren Wahrnehmung werden kann, ist virtuell, wie das durch den
Gang der Lichtstrahlen gegebene Bild im Fernrohr. Die Systeme aber, die selbst nichts
Psychisches sind und nie unserer psychischen Wahrnehmung zugänglich werden, sind wir
berechtigt anzunehmen gleich den Linsen des Fernrohrs, die das Bild entwerfen. In der
Fortsetzung dieses Gleichnisses entspräche die Zensur zwischen zwei Systemen der
Strahlenbrechung beim Übergang in ein neues Medium.
Wir haben bisher Psychologie auf eigene Faust getrieben; es ist Zeit, sich nach den
Lehrmeinungen umzusehen, welche die heutige Psychologie beherrschen, und deren Verhältnis
zu unseren Aufstellungen zu prüfen. Die Frage des Unbewußten in der Psychologie ist nach dem
kräftigen Worte von Lipps (1897) weniger eine psychologische Frage als die Frage der
Psychologie. Solange die Psychologie diese Frage durch die Worterklärung erledigte, das
»Psychische« sei eben das »Bewußte«, und »unbewußte psychische Vorgänge« ein greifbarer
Widersinn, blieb eine psychologische Verwertung der Beobachtungen, welche ein Arzt an
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin