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abnormen Seelenzuständen gewinnen konnte, ausgeschlossen. Erst dann treffen der Arzt und der
Philosoph zusammen, wenn beide anerkennen, unbewußte psychische Vorgänge seien »der
zweckmäßige und wohlberechtigte Ausdruck für eine feststehende Tatsache«. Der Arzt kann
nicht anders, als die Versicherung, »das Bewußtsein sei der unentbehrliche Charakter des
Psychischen«, mit Achselzucken zurückweisen, und etwa, wenn sein Respekt vor den
Äußerungen der Philosophen noch stark genug ist, annehmen, sie behandelten nicht dasselbe
Objekt und trieben nicht die gleiche Wissenschaft. Denn auch nur eine einzige verständnisvolle
Beobachtung des Seelenlebens eines Neurotikers, eine einzige Traumanalyse muß ihm die
unerschütterliche Überzeugung aufdrängen, daß die kompliziertesten und korrektesten
Denkvorgänge, denen man doch den Namen psychischer Vorgänge nicht versagen wird, vorfallen
können, ohne das Bewußtsein der Person zu erregen[236]. Gewiß erhält der Arzt von diesen
unbewußten Vorgängen nicht eher Kunde, als bis sie eine Mitteilung oder Beobachtung
zulassende Wirkung auf das Bewußtsein ausgeübt haben. Aber dieser Bewußtseinseffekt kann
einen von dem unbewußten Vorgang ganz abweichenden psychischen Charakter zeigen, so daß
die innere Wahrnehmung unmöglich den einen als den Ersatz des anderen erkennen kann. Der
Arzt muß sich das Recht wahren, durch einen Schlußprozeß vom Bewußtseinseffekt zum
unbewußten psychischen Vorgang vorzudringen; er erfährt auf diesem Wege, daß der
Bewußtseinseffekt nur eine entfernte psychische Wirkung des unbewußten Vorgangs ist und daß
letzterer nicht als solcher bewußtgeworden ist, auch daß er bestanden und gewirkt hat, ohne sich
noch dem Bewußtsein irgendwie zu verraten.
Die Rückkehr von der Überschätzung der Bewußtseinseigenschaft wird zur unerläßlichen
Vorbedingung für jede richtige Einsicht in den Hergang des Psychischen. Das Unbewußte muß
nach dem Ausdrucke von Lipps als allgemeine Basis des psychischen Lebens angenommen
werden. Das Unbewußte ist der größere Kreis, der den kleineren des Bewußten in sich
einschließt; alles Bewußte hat eine unbewußte Vorstufe, während das Unbewußte auf dieser Stufe
stehenbleiben und doch den vollen Wert einer psychischen Leistung beanspruchen kann. Das
Unbewußte ist das eigentlich reale Psychische, uns nach seiner inneren Natur so unbekannt wie
das Reale der Außenwelt und uns durch die Daten des Bewußtseins ebenso unvollständig
gegeben wie die Außenwelt durch die Angaben unserer Sinnesorgane.
Wenn der alte Gegensatz von Bewußtleben und Traumleben durch die Einsetzung des
unbewußten Psychischen in die ihm gebührende Stellung entwertet ist, so werden eine Reihe von
Traumproblemen abgestreift, welche frühere Autoren noch eingehend beschäftigt haben. So
manche Leistungen, über deren Vollziehung im Traume man sich wundern konnte, sind nun nicht
mehr dem Traum anzurechnen, sondern dem auch bei Tage arbeitenden unbewußten Denken.
Wenn der Traum mit einer symbolisierenden Darstellung des Körpers, nach Scherner, zu spielen
scheint, so wissen wir, dies ist die Leistung gewisser unbewußter Phantasien, die wahrscheinlich
sexuellen Regungen nachgeben und die nicht nur im Traum, sondern auch in den hysterischen
Phobien und anderen Symptomen zum Ausdruck kommen. Wenn der Traum Arbeiten des Tages
fortführt und erledigt und selbst wertvolle Einfälle ans Licht fördert, so haben wir hievon nur die
Traumverkleidung abzuziehen als Leistung der Traumarbeit und als Marke der Hilfeleistung
dunkler Mächte der Seelentiefen (vgl. den Teufel in Tartinis Sonatentraum). Die intellektuelle
Leistung selbst fällt denselben Seelenkräften zu, die tagsüber alle solche vollbringen. Wir neigen
wahrscheinlich in viel zu hohem Maße zur Überschätzung des bewußten Charakters auch der
intellektuellen und künstlerischen Produktion. Aus den Mitteilungen einiger höchstproduktiver
Menschen, wie Goethe und Helmholtz, erfahren wir doch eher, daß das Wesentliche und Neue
ihrer Schöpfungen ihnen einfallsartig gegeben wurde und fast fertig zu ihrer Wahrnehmung kam.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin