Seite - 730 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Vater entmannte, die Sense und das Bild des Bauern schildern den Kronos, den gewalttätigen
Alten, der seine Kinder frißt und an dem Zeus so unkindlich Rache nimmt. Die Heirat des Vaters
war eine Gelegenheit, ihm die Vorwürfe und Drohungen zurückzugeben, die das Kind früher
einmal von ihm gehört hatte, weil es mit den Genitalien spielte (das Brettspiel; die verbotenen
Züge; der Dolch, mit dem man umbringen kann). Hier sind es lang verdrängte Erinnerungen und
deren unbewußt gebliebene Abkömmlinge, die auf dem ihnen eröffneten Umwege sich als
scheinbar sinnlose Bilder ins Bewußtsein schleichen.
So würde ich also den theoretischen Wert der Beschäftigung mit dem Traum in den Beiträgen zur
psychologischen Erkenntnis und in der Vorbereitung für das Verständnis der Psychoneurosen
suchen. Wer vermag zu ahnen, zu welcher Bedeutung sich eine gründliche Bekanntschaft mit
dem Bau und den Leistungen des Seelenapparats noch erheben kann, wenn schon der heutige
Stand unseres Wissens eine glückliche therapeutische Beeinflussung der an sich heilbaren
Formen von Psychoneurosen gestattet? Und der praktische Wert dieser Beschäftigung, höre ich
fragen, für die Seelenkenntnis, die Aufdeckung der verborgenen Charaktereigenschaften der
einzelnen? Haben denn die unbewußten Regungen, die der Traum offenbart, nicht den Wert von
realen Mächten im Seelenleben? Ist die ethische Bedeutung der unterdrückten Wünsche gering
anzuschlagen, die, wie sie Träume schaffen, eines Tages anderes schaffen können?
Ich fühle mich nicht berechtigt, auf diese Fragen zu antworten. Meine Gedanken haben diese
Seite des Traumproblems nicht weiter verfolgt. Ich meine nur, jedenfalls hatte der römische
Kaiser unrecht, welcher einen Untertanen hinrichten ließ, weil dieser geträumt hatte, daß er den
Imperator ermordet. Er hätte sich zuerst darum bekümmern sollen, was dieser Traum bedeutete;
sehr wahrscheinlich war es nicht dasselbe, was er zur Schau trug. Und selbst wenn ein Traum, der
anders lautete, diese majestätsverbrecherische Bedeutung hätte, wäre es noch am Platze, des
Wortes von Plato zu gedenken, daß der Tugendhafte sich begnügt, von dem zu träumen, was der
Böse im Leben tut. Ich meine also, am besten gibt man die Träume frei. Ob den unbewußten
Wünschen Realität zuzuerkennen ist, kann ich nicht sagen. Allen Übergangs- und
Zwischengedanken ist sie natürlich abzusprechen. Hat man die unbewußten Wünsche, auf ihren
letzten und wahrsten Ausdruck gebracht, vor sich, so muß man wohl sagen, daß die psychische
Realität eine besondere Existenzform ist, welche mit der materiellen Realität nicht verwechselt
werden soll. Es erscheint dann ungerechtfertigt, wenn die Menschen sich sträuben, die
Verantwortung für die Immoralität ihrer Träume zu übernehmen. Durch die Würdigung der
Funktionsweise des seelischen Apparats und die Einsicht in die Beziehung zwischen Bewußtem
und Unbewußtem wird das ethisch Anstößige unseres Traum- und Phantasielebens meist zum
Verschwinden gebracht.
»Was der Traum uns an Beziehungen zur Gegenwart (Realität) kundgetan hat, wollen wir dann
auch im Bewußtsein aufsuchen und dürfen uns nicht wundern, wenn wir das Ungeheuer, das wir
unter dem Vergrößerungsglas der Analyse gesehen haben, dann als Infusionstierchen
wiederfinden.« (H. Sachs.)
Für das praktische Bedürfnis der Charakterbeurteilung des Menschen genügt zumeist die Tat und
die bewußt sich äußernde Gesinnung. Die Tat vor allem verdient in die erste Reihe gestellt zu
werden, denn viele zum Bewußtsein durchgedrungene Impulse werden noch durch reale Mächte
des Seelenlebens vor ihrem Einmünden in die Tat aufgehoben; ja, sie begegnen oft darum keinem
psychischen Hindernis auf ihrem Wege, weil das Unbewußte ihrer anderweitigen Verhinderung
sicher ist. Es bleibt auf alle Fälle lehrreich, den viel durchwühlten Boden kennenzulernen, auf
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin