Seite - 735 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
Bild der Seite - 735 -
Text der Seite - 735 -
Wir haben seit langem gemerkt, daß jede Neurose die Folge, also wahrscheinlich die Tendenz
habe, den Kranken aus dem realen Leben herauszudrängen, ihn der Wirklichkeit zu entfremden.
Eine derartige Tatsache konnte auch der Beobachtung P. Janets nicht entgehen; er sprach von
einem Verluste » de la fonction du réel« als von einem besonderen Charakter der Neurotiker,
ohne aber den Zusammenhang dieser Störung mit den Grundbedingungen der Neurose
aufzudecken[1].
Die Einführung des Verdrängungsprozesses in die Genese der Neurose hat uns gestattet, in diesen
Zusammenhang Einsicht zu nehmen. Der Neurotiker wendet sich von der Wirklichkeit ab, weil er
sie – ihr Ganzes oder Stücke derselben – unerträglich findet. Den extremsten Typus dieser
Abwendung von der Realität zeigen uns gewisse Fälle von halluzinatorischer Psychose, in denen
jenes Ereignis verleugnet werden soll, welches den Wahnsinn hervorgerufen hat (Griesinger).
Eigentlich tut aber jeder Neurotiker mit einem Stückchen der Realität das gleiche[2]. Es erwächst
uns nun die Aufgabe, die Beziehung des Neurotikers und des Menschen überhaupt zur Realität
auf ihre Entwicklung zu untersuchen und so die psychologische Bedeutung der realen Außenwelt
in das Gefüge unserer Lehren aufzunehmen.
Wir haben uns in der auf Psychoanalyse begründeten Psychologie gewöhnt, die unbewußten
seelischen Vorgänge zum Ausgange zu nehmen, deren Eigentümlichkeiten uns durch die Analyse
bekannt worden sind. Wir halten diese für die älteren, primären, für Überreste aus einer
Entwicklungsphase, in welcher sie die einzige Art von seelischen Vorgängen waren. Die oberste
Tendenz, welcher diese primären Vorgänge gehorchen, ist leicht zu erkennen; sie wird als das
Lust-Unlust-Prinzip (oder kürzer als das Lustprinzip) bezeichnet. Diese Vorgänge streben
danach, Lust zu gewinnen; von solchen Akten, welche Unlust erregen können, zieht sich die
psychische Tätigkeit zurück (Verdrängung). Unser nächtliches Träumen, unsere Wachtendenz,
uns von peinlichen Eindrücken loszureißen, sind Reste von der Herrschaft dieses Prinzips und
Beweise für dessen Mächtigkeit.
Ich greife auf Gedankengänge zurück, die ich an anderer Stelle (im allgemeinen Abschnitt der
Traumdeutung) entwickelt habe, wenn ich supponiere, daß der psychische Ruhezustand
anfänglich durch die gebieterischen Forderungen der inneren Bedürfnisse gestört wurde. In
diesem Falle wurde das Gedachte (Gewünschte) einfach halluzinatorisch gesetzt, wie es heute
noch allnächtlich mit unseren Traumgedanken geschieht[3]. Erst das Ausbleiben der erwarteten
Befriedigung, die Enttäuschung, hatte zur Folge, daß dieser Versuch der Befriedigung auf
halluzinatorischem Wege aufgegeben wurde. Anstatt seiner mußte sich der psychische Apparat
entschließen, die realen Verhältnisse der Außenwelt vorzustellen und die reale Veränderung
anzustreben. Damit war ein neues Prinzip der seelischen Tätigkeit eingeführt; es wurde nicht
mehr vorgestellt, was angenehm, sondern was real war, auch wenn es unangenehm sein sollte[4].
Diese Einsetzung des Realitätsprinzips erwies sich als ein folgenschwerer Schritt.
1) Zunächst machten die neuen Anforderungen eine Reihe von Adaptierungen des psychischen
Apparats nötig, die wir infolge von ungenügender oder unsicherer Einsicht nur ganz beiläufig
aufführen können.
Die erhöhte Bedeutung der äußeren Realität hob auch die Bedeutung der jener Außenwelt
zugewendeten Sinnesorgane und des an sie geknüpften Bewußtseins, welches außer den bisher
allein interessanten Lust- und Unlustqualitäten die Sinnesqualitäten auffassen lernte. Es wurde
735
Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin