Seite - 743 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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den wir bisher bloß im beschreibenden Sinne benützt haben, erhält jetzt eine erweiterte
Bedeutung. Er bezeichnet nicht bloß latente Gedanken im allgemeinen, sondern besonders solche
mit einem bestimmten dynamischen Charakter, nämlich diejenigen, die sich trotz ihrer Intensität
und Wirksamkeit dem Bewußtsein fernehalten.
Ehe ich meine Auseinandersetzungen fortführe, will ich auf zwei Einwendungen Bezug nehmen,
die sich voraussichtlich an diesem Punkte erheben. Die erste kann folgendermaßen formuliert
werden: Anstatt uns die Hypothese der unbewußten Gedanken, von denen wir nichts wissen,
anzueignen, täten wir besser anzunehmen, daß das Bewußtsein geteilt werden kann, so daß
einzelne Gedanken oder andere Seelenvorgänge ein gesondertes Bewußtsein bilden können, das
von der Hauptmasse bewußter psychischer Tätigkeit losgelöst und ihr entfremdet wurde.
Wohlbekannte pathologische Fälle, wie jener des Dr. Azam, scheinen sehr geeignet zu sein zu
beweisen, daß die Teilung des Bewußtseins keine phantastische Einbildung ist.
Ich gestatte mir, dieser Theorie entgegenzuhalten, daß sie einfach aus dem Mißbrauch mit dem
Worte »bewußt« Kapital schlägt. Wir haben kein Recht, den Sinn dieses Wortes so weit
auszudehnen, daß damit auch ein Bewußtsein bezeichnet werden kann, von dem sein Besitzer
nichts weiß. Wenn Philosophen eine Schwierigkeit darin finden, an die Existenz eines
unbewußten Gedankens zu glauben, so scheint mir die Existenz eines unbewußten Bewußtseins
noch angreifbarer. Die Fälle, die man als Teilung des Bewußtseins beschreibt, wie der des
Dr. Azam, können besser als Wandern des Bewußtseins angesehen werden, wobei diese Funktion
– oder was immer es sein mag – zwischen zwei verschiedenen psychischen Komplexen hin- und
herschwankt, die abwechselnd bewußt und unbewußt werden.
Der andere Einwand, der voraussichtlich erhoben werden wird, wäre der, daß wir auf die
Psychologie der Normalen Folgerungen anwenden, die hauptsächlich aus dem Studium
pathologischer Zustände stammen. Wir können ihn durch eine Tatsache erledigen, deren
Kenntnis wir der Psychoanalyse verdanken. Gewisse Funktionsstörungen, die sich bei Gesunden
höchst häufig ereignen, z.
B. Lapsus linguae, Gedächtnis- und Sprachirrtümer, Namenvergessen
usw., können leicht auf die Wirksamkeit starker unbewußter Gedanken zurückgeführt werden,
geradeso wie die neurotischen Symptome. Wir werden mit einem zweiten, noch überzeugenderen
Argument in einem späteren Abschnitt dieser Erörterung zusammentreffen.
Durch die Auseinanderhaltung vorbewußter und unbewußter Gedanken werden wir dazu
veranlaßt, das Gebiet der Klassifikation zu verlassen und uns über die funktionalen und
dynamischen Relationen in der Tätigkeit der Psyche eine Meinung zu bilden. Wir fanden ein
wirksames Vorbewußtes, das ohne Schwierigkeit ins Bewußtsein übergeht, und ein wirksames
Unbewußtes, das unbewußt bleibt und vom Bewußtsein abgeschnitten zu sein scheint.
Wir wissen nicht, ob diese zwei Arten psychischer Tätigkeit von Anfang an identisch oder ihrem
Wesen nach entgegengesetzt sind, aber wir können uns fragen, warum sie im Verlaufe der
psychischen Vorgänge verschieden geworden sein sollten. Auf diese Frage gibt uns die
Psychoanalyse ohne Zögern klare Antwort. Es ist dem Erzeugnis des wirksamen Unbewußten
keineswegs unmöglich, ins Bewußtsein einzudringen, aber zu dieser Leistung ist ein gewisser
Aufwand von Anstrengung notwendig. Wenn wir es an uns selbst versuchen, erhalten wir das
deutliche Gefühl einer Abwehr, die bewältigt werden muß, und wenn wir es bei einem Patienten
hervorrufen, so erhalten wir die unzweideutigsten Anzeichen von dem, was wir Widerstand
dagegen nennen. So lernen wir, daß der unbewußte Gedanke vom Bewußtsein durch lebendige
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin