Seite - 745 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Urteil über die Wandlungen, die sie durchgemacht haben, und über die Art und Weise, wie diese
zustande gekommen sind, zu bilden.
Die latenten Traumgedanken unterscheiden sich in keiner Weise von den Erzeugnissen unserer
gewöhnlichen bewußten Seelentätigkeit. Sie verdienen den Namen von vorbewußten Gedanken
und können in der Tat in einem Zeitpunkte des Wachlebens bewußt gewesen sein. Aber durch die
Verbindung mit den unbewußten Strebungen, die sie während der Nacht eingegangen sind,
wurden sie den letzteren assimiliert, gewissermaßen auf den Zustand unbewußter Gedanken
herabgedrückt und den Gesetzen, durch welche die unbewußte Tätigkeit geregelt wird,
unterworfen. Hier ergibt sich die Gelegenheit zu lernen, was wir auf Grund von Überlegungen
oder aus irgendeiner anderen Quelle empirischen Wissens nicht hätten erraten können, daß die
Gesetze der unbewußten Seelentätigkeit sich im weiten Ausmaß von jenen der bewußten
unterscheiden. Wir gewinnen durch Detailarbeit die Kenntnis der Eigentümlichkeiten des
Unbewußten und können hoffen, daß wir durch gründlichere Erforschung der Vorgänge bei der
Traumbildung noch mehr lernen werden.
Diese Untersuchung ist noch kaum zur Hälfte beendet, und eine Darlegung der bis jetzt
erhaltenen Resultate ist nicht möglich, ohne in die höchst verwickelten Probleme der
Traumdeutung einzugehen. Aber ich wollte diese Erörterung nicht abbrechen, ohne auf die
Wandlung und den Fortschritt unseres Verständnisses des Unbewußten hinzuweisen, welche wir
dem psychoanalytischen Studium der Träume verdanken.
Das Unbewußte schien uns anfangs bloß ein rätselhafter Charakter eines bestimmten psychischen
Vorganges; nun bedeutet es uns mehr, es ist ein Anzeichen dafür, daß dieser Vorgang an der
Natur einer gewissen psychischen Kategorie teilnimmt, die uns durch andere, bedeutsamere
Charakterzüge bekannt ist, und daß er zu einem System psychischer Tätigkeit gehört, das unsere
vollste Aufmerksamkeit verdient. Der Wert des Unbewußten als Index hat seine Bedeutung als
Eigenschaft bei weitem hinter sich gelassen. Das System, welches sich uns durch das
Kennzeichen kundgibt, daß die einzelnen Vorgänge, die es zusammensetzen, unbewußt sind,
belegen wir mit dem Namen »das Unbewußte«, in Ermangelung eines besseren und weniger
zweideutigen Ausdruckes. Ich schlage als Bezeichnung dieses Systems die Buchstaben » Ubw«,
eine Abkürzung des Wortes »Unbewußt« vor.
Dies ist der dritte und wichtigste Sinn, den der Ausdruck » unbewußt« in der Psychoanalyse
erworben hat.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin