Seite - 748 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Ich bemerke nochmals, daß ich hier keine Klärung oder Vertiefung des Schizophrenieproblems
geben will, sondern nur zusammentrage, was bereits an anderen Stellen gesagt worden ist, um
eine Einführung des Narzißmus zu rechtfertigen.
Ein dritter Zufluß zu dieser, wie ich meine, legitimen Weiterbildung der Libidotheorie ergibt sich
aus unseren Beobachtungen und Auffassungen des Seelenlebens von Kindern und von primitiven
Völkern. Wir finden bei diesen letzteren Züge, welche, wenn sie vereinzelt wären, dem
Größenwahn zugerechnet werden könnten, eine Überschätzung der Macht ihrer Wünsche und
psychischen Akte, die »Allmacht der Gedanken«, einen Glauben an die Zauberkraft der Worte,
eine Technik gegen die Außenwelt, die »Magie«, welche als konsequente Anwendung dieser
größensüchtigen Voraussetzungen erscheint[10]. Wir erwarten eine ganz analoge Einstellung zur
Außenwelt beim Kinde unserer Zeit, dessen Entwicklung für uns weit undurchsichtiger ist[11].
Wir bilden so die Vorstellung einer ursprünglichen Libidobesetzung des Ichs, von der später an
die Objekte abgegeben wird, die aber, im Grunde genommen, verbleibt und sich zu den
Objektbesetzungen verhält wie der Körper eines Protoplasmatierchens zu den von ihm
ausgeschickten Pseudopodien. Dieses Stück der Libidounterbringung mußte für unsere von den
neurotischen Symptomen ausgehende Forschung zunächst verdeckt bleiben. Die Emanationen
dieser Libido, die Objektbesetzungen, die ausgeschickt und wieder zurückgezogen werden
können, wurden uns allein auffällig. Wir sehen auch im groben einen Gegensatz zwischen der
Ichlibido und der Objektlibido. Je mehr die eine verbraucht, desto mehr verarmt die andere. Als
die höchste Entwicklungsphase, zu der es die letztere bringt, erscheint uns der Zustand der
Verliebtheit, der sich uns wie ein Aufgeben der eigenen Persönlichkeit gegen die
Objektbesetzung darstellt und seinen Gegensatz in der Phantasie (oder Selbstwahrnehmung) der
Paranoiker vom Weltuntergang findet. Endlich folgern wir für die Unterscheidung der
psychischen Energien, daß sie zunächst im Zustande des Narzißmus beisammen und für unsere
grobe Analyse ununterscheidbar sind und daß es erst mit der Objektbesetzung möglich wird, eine
Sexualenergie, die Libido, von einer Energie der Ichtriebe zu unterscheiden.
Ehe ich weitergehe, muß ich zwei Fragen berühren, welche mitten in die Schwierigkeiten des
Themas leiten. Erstens: Wie verhält sich der Narzißmus, von dem wir jetzt handeln, zum
Autoerotismus, den wir als einen Frühzustand der Libido beschrieben haben? Zweitens: Wenn
wir dem Ich eine primäre Besetzung mit Libido zuerkennen, wozu ist es überhaupt noch nötig,
eine sexuelle Libido von einer nicht sexuellen Energie der Ichtriebe zu trennen? Würde die
Zugrundelegung einer einheitlichen psychischen Energie nicht alle Schwierigkeiten der
Sonderung von Ichtriebenergie und Ichlibido, Ichlibido und Objektlibido ersparen? Zur ersten
Frage bemerke ich: Es ist eine notwendige Annahme, daß eine dem Ich vergleichbare Einheit
nicht von Anfang an im Individuum vorhanden ist; das Ich muß entwickelt werden. Die
autoerotischen Triebe sind aber uranfänglich; es muß also irgend etwas zum Autoerotismus
hinzukommen, eine neue psychische Aktion, um den Narzißmus zu gestalten.
Die Aufforderung, die zweite Frage in entschiedener Weise zu beantworten, muß bei jedem
Psychoanalytiker ein merkliches Unbehagen erwecken. Man wehrt sich gegen das Gefühl, die
Beobachtung für sterile theoretische Streitigkeiten zu verlassen, darf sich dem Versuch einer
Klärung aber doch nicht entziehen. Gewiß sind Vorstellungen wie die einer Ichlibido,
Ichtriebenergie und so weiter weder besonders klar faßbar noch inhaltsreich genug; eine
spekulative Theorie der betreffenden Beziehungen würde vor allem einen scharf umschriebenen
Begriff zur Grundlage gewinnen wollen. Allein ich meine, das ist eben der Unterschied zwischen
einer spekulativen Theorie und einer auf Deutung der Empirie gebauten Wissenschaft. Die
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin