Seite - 752 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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II
Ein direktes Studium des Narzißmus scheint mir durch besondere Schwierigkeiten verwehrt zu
sein. Der Hauptzugang dazu wird wohl die Analyse der Paraphrenien bleiben. Wie die
Übertragungsneurosen uns die Verfolgung der libidinösen Triebregungen ermöglicht haben, so
werden uns die Dementia praecox und Paranoia die Einsicht in die Ichpsychologie gestatten.
Wiederum werden wir das anscheinend Einfache des Normalen aus den Verzerrungen und
Vergröberungen des Pathologischen erraten müssen. Immerhin bleiben uns einige andere Wege
offen, um uns der Kenntnis des Narzißmus anzunähern, die ich nun der Reihe nach beschreiben
will: die Betrachtung der organischen Krankheit, der Hypochondrie und des Liebeslebens der
Geschlechter.
Mit der Würdigung des Einflusses organischer Krankheit auf die Libidoverteilung folge ich einer
mündlichen Anregung von S. Ferenczi. Es ist allgemein bekannt und erscheint uns
selbstverständlich, daß der von organischem Schmerz und Mißempfindungen Gepeinigte das
Interesse an den Dingen der Außenwelt, soweit sie nicht sein Leiden betreffen, aufgibt. Genauere
Beobachtung lehrt, daß er auch das libidinöse Interesse von seinen Liebesobjekten zurückzieht,
aufhört zu lieben, solange er leidet. Die Banalität dieser Tatsache braucht uns nicht abzuhalten,
ihr eine Übersetzung in die Ausdrucksweise der Libidotheorie zu geben. Wir würden dann sagen:
Der Kranke zieht seine Libidobesetzungen auf sein Ich zurück, um sie nach der Genesung wieder
auszusenden. »Einzig in der engen Höhle«, sagt W. Busch vom zahnschmerzkranken Dichter,
»des Backenzahnes weilt die Seele.« Libido und Ichinteresse haben dabei das gleiche Schicksal
und sind wiederum voneinander nicht unterscheidbar. Der bekannte Egoismus der Kranken deckt
beides. Wir finden ihn so selbstverständlich, weil wir gewiß sind, uns im gleichen Falle ebenso
zu verhalten. Das Verscheuchen noch so intensiver Liebesbereitschaft durch körperliche
Störungen, der plötzliche Ersatz derselben durch völlige Gleichgültigkeit, findet in der Komik
entsprechende Ausnützung.
Ähnlich wie die Krankheit bedeutet auch der Schlafzustand ein narzißtisches Zurückziehen der
Libidopositionen auf die eigene Person, des genaueren, auf den einen Wunsch zu schlafen. Der
Egoismus der Träume fügt sich wohl in diesen Zusammenhang ein. In beiden Fällen sehen wir,
wenn auch nichts anderes, Beispiele von Veränderungen der Libidoverteilung infolge von
Ichveränderung.
Die Hypochondrie äußert sich wie das organische Kranksein in peinlichen und schmerzhaften
Körperempfindungen und trifft auch in der Wirkung auf die Libidoverteilung mit ihm zusammen.
Der Hypochondrische zieht Interesse wie Libido – die letztere besonders deutlich – von den
Objekten der Außenwelt zurück und konzentriert beides auf das ihn beschäftigende Organ. Ein
Unterschied zwischen Hypochondrie und organischer Krankheit drängt sich nun vor: im letzteren
Falle sind die peinlichen Sensationen durch nachweisbare Veränderungen begründet, im ersteren
Falle nicht. Es würde aber ganz in den Rahmen unserer sonstigen Auffassung der
Neurosenvorgänge passen, wenn wir uns entschließen würden zu sagen: Die Hypochondrie muß
recht haben, die Organveränderungen dürfen auch bei ihr nicht fehlen. Worin bestünden sie nun?
Wir wollen uns hier durch die Erfahrung bestimmen lassen, daß Körpersensationen unlustiger
Art, den hypochondrischen vergleichbar, auch bei den anderen Neurosen nicht fehlen. Ich habe
schon früher einmal die Neigung ausgesprochen, die Hypochondrie als dritte Aktualneurose
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin