Seite - 755 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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welche mit der Ernährung, Pflege, dem Schutz des Kindes zu tun haben, zu den ersten
Sexualobjekten werden, also zunächst die Mutter oder ihr Ersatz. Neben diesem Typus und dieser
Quelle der Objektwahl, den man den Anlehnungstypus heißen kann, hat uns aber die analytische
Forschung einen zweiten kennen gelehrt, den zu finden wir nicht vorbereitet waren. Wir haben,
besonders deutlich bei Personen, deren Libidoentwicklung eine Störung erfahren hat, wie bei
Perversen und Homosexuellen, gefunden, daß sie ihr späteres Liebesobjekt nicht nach dem
Vorbild der Mutter wählen, sondern nach dem ihrer eigenen Person. Sie suchen
offenkundigerweise sich selbst als Liebesobjekt, zeigen den narzißtisch zu nennenden Typus der
Objektwahl. In dieser Beobachtung ist das stärkste Motiv zu erkennen, welches uns zur Annahme
des Narzißmus genötigt hat.
Wir haben nun nicht geschlossen, daß die Menschen in zwei scharf geschiedene Gruppen
zerfallen, je nachdem sie den Anlehnungs- oder den narzißtischen Typus der Objektwahl haben,
sondern ziehen die Annahme vor, daß jedem Menschen beide Wege zur Objektwahl offenstehen,
wobei der eine oder der andere bevorzugt werden kann. Wir sagen, der Mensch habe zwei
ursprüngliche Sexualobjekte: sich selbst und das pflegende Weib, und setzen dabei den primären
Narzißmus jedes Menschen voraus, der eventuell in seiner Objektwahl dominierend zum
Ausdruck kommen kann.
Die Vergleichung von Mann und Weib zeigt dann, daß sich in deren Verhältnis zum Typus der
Objektwahl fundamentale, wenn auch natürlich nicht regelmäßige, Unterschiede ergeben. Die
volle Objektliebe nach dem Anlehnungstypus ist eigentlich für den Mann charakteristisch. Sie
zeigt die auffällige Sexualüberschätzung, welche wohl dem ursprünglichen Narzißmus des
Kindes entstammt und somit einer Übertragung desselben auf das Sexualobjekt entspricht. Diese
Sexualüberschätzung gestattet die Entstehung des eigentümlichen, an neurotischen Zwang
mahnenden Zustandes der Verliebtheit, der sich so auf eine Verarmung des Ichs an Libido
zugunsten des Objektes zurückführt. Anders gestaltet sich die Entwicklung bei dem häufigsten,
wahrscheinlich reinsten und echtesten Typus des Weibes. Hier scheint mit der
Pubertätsentwicklung durch die Ausbildung der bis dahin latenten weiblichen Sexualorgane eine
Steigerung des ursprünglichen Narzißmus aufzutreten, welche der Gestaltung einer ordentlichen,
mit Sexualüberschätzung ausgestatteten Objektliebe ungünstig ist. Es stellt sich besonders im
Falle der Entwicklung zur Schönheit eine Selbstgenügsamkeit des Weibes her, welche das Weib
für die ihm sozial verkümmerte Freiheit der Objektwahl entschädigt. Solche Frauen lieben,
strenggenommen, nur sich selbst mit ähnlicher Intensität, wie der Mann sie liebt. Ihr Bedürfnis
geht auch nicht dahin zu lieben, sondern geliebt zu werden, und sie lassen sich den Mann
gefallen, welcher diese Bedingung erfüllt. Die Bedeutung dieses Frauentypus für das Liebesleben
der Menschen ist sehr hoch einzuschätzen. Solche Frauen üben den größten Reiz auf die Männer
aus, nicht nur aus ästhetischen Gründen, weil sie gewöhnlich die schönsten sind, sondern auch
infolge interessanter psychologischer Konstellationen. Es erscheint nämlich deutlich erkennbar,
daß der Narzißmus einer Person eine große Anziehung auf diejenigen anderen entfaltet, welche
sich des vollen Ausmaßes ihres eigenen Narzißmus begeben haben und sich in der Werbung um
die Objektliebe befinden; der Reiz des Kindes beruht zum guten Teil auf dessen Narzißmus,
seiner Selbstgenügsamkeit und Unzugänglichkeit, ebenso der Reiz gewisser Tiere, die sich um
uns nicht zu kümmern scheinen, wie der Katzen und großen Raubtiere, ja selbst der große
Verbrecher und der Humorist zwingen in der poetischen Darstellung unser Interesse durch die
narzißtische Konsequenz, mit welcher sie alles ihr Ich Verkleinernde von ihm fernzuhalten
wissen. Es ist so, als beneideten wir sie um die Erhaltung eines seligen psychischen Zustandes,
einer unangreifbaren Libidoposition, die wir selbst seither aufgegeben haben. Dem großen Reiz
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin