Seite - 756 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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des narzißtischen Weibes fehlt aber die Kehrseite nicht; ein guter Teil der Unbefriedigung des
verliebten Mannes, der Zweifel an der Liebe des Weibes, der Klagen über die Rätsel im Wesen
desselben hat in dieser Inkongruenz der Objektwahltypen seine Wurzel.
Vielleicht ist es nicht überflüssig zu versichern, daß mir bei dieser Schilderung des weiblichen
Liebeslebens jede Tendenz zur Herabsetzung des Weibes fernliegt. Abgesehen davon, daß mir
Tendenzen überhaupt fernliegen, ich weiß auch, daß diese Ausbildungen nach verschiedenen
Richtungen der Differenzierung von Funktionen in einem höchst komplizierten biologischen
Zusammenhang entsprechen; ich bin ferner bereit zuzugestehen, daß es unbestimmt viele Frauen
gibt, die nach dem männlichen Typus lieben und auch die dazugehörige Sexualüberschätzung
entfalten.
Auch für die narzißtisch und gegen den Mann kühl gebliebenen Frauen gibt es einen Weg, der sie
zur vollen Objektliebe führt. In dem Kinde, das sie gebären, tritt ihnen ein Teil des eigenen
Körpers wie ein fremdes Objekt gegenüber, dem sie nun vom Narzißmus aus die volle
Objektliebe schenken können. Noch andere Frauen brauchen nicht auf das Kind zu warten, um
den Schritt in der Entwicklung vom (sekundären) Narzißmus zur Objektliebe zu machen. Sie
haben sich selbst vor der Pubertät männlich gefühlt und ein Stück weit männlich entwickelt;
nachdem diese Strebung mit dem Auftreten der weiblichen Reife abgebrochen wurde, bleibt
ihnen die Fähigkeit, sich nach einem männlichen Ideal zu sehnen, welches eigentlich die
Fortsetzung des knabenhaften Wesens ist, das sie selbst einmal waren.
Eine kurze Übersicht der Wege zur Objektwahl mag diese andeutenden Bemerkungen
beschließen. Man liebt:
1) Nach dem narzißtischen Typus:
a) was man selbst ist (sich selbst),
b) was man selbst war,
c) was man selbst sein möchte,
d) die Person, die ein Teil des eigenen Selbst war.
2) Nachdem Anlehnungstypus:
a) die nährende Frau,
b) den schützenden Mann
und die in Reihen von ihnen ausgehenden Ersatzpersonen. Der Fall c) des ersten Typus kann erst
durch später folgende Ausführungen gerechtfertigt werden.
Die Bedeutung der narzißtischen Objektwahl für die Homosexualität des Mannes bleibt in
anderem Zusammenhange zu würdigen.
Der von uns supponierte primäre Narzißmus des Kindes, der eine der Voraussetzungen unserer
Libidotheorien enthält, ist weniger leicht durch direkte Beobachtung zu erfassen als durch
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin