Seite - 759 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Diesem Idealich gilt nun die Selbstliebe, welche in der Kindheit das wirkliche Ich genoß. Der
Narzißmus erscheint auf dieses neue ideale Ich verschoben, welches sich wie das infantile im
Besitz aller wertvollen Vollkommenheiten befindet. Der Mensch hat sich hier, wie jedesmal auf
dem Gebiete der Libido, unfähig erwiesen, auf die einmal genossene Befriedigung zu verzichten.
Er will die narzißtische Vollkommenheit seiner Kindheit nicht entbehren, und wenn er diese nicht
festhalten konnte, durch die Mahnungen während seiner Entwicklungszeit gestört und in seinem
Urteil geweckt, sucht er sie in der neuen Form des Ichideals wiederzugewinnen. Was er als sein
Ideal vor sich hin projiziert, ist der Ersatz für den verlorenen Narzißmus seiner Kindheit, in der er
sein eigenes Ideal war.
Es liegt nahe, die Beziehungen dieser Idealbildung zur Sublimierung zu untersuchen. Die
Sublimierung ist ein Prozeß an der Objektlibido und besteht darin, daß sich der Trieb auf ein
anderes, von der sexuellen Befriedigung entferntes Ziel wirft; der Akzent ruht dabei auf der
Ablenkung vom Sexuellen. Die Idealisierung ist ein Vorgang mit dem Objekt, durch welchen
dieses ohne Änderung seiner Natur vergrößert und psychisch erhöht wird. Die Idealisierung ist
sowohl auf dem Gebiete der Ichlibido wie auch der Objektlibido möglich. So ist zum Beispiel die
Sexualüberschätzung des Objektes eine Idealisierung desselben. Insofern also Sublimierung
etwas beschreibt, was mit dem Trieb, Idealisierung etwas, was am Objekt vorgeht, sind die
beiden begrifflich auseinanderzuhalten.
Die Ichidealbildung wird oft zum Schaden des Verständnisses mit der Triebsublimierung
verwechselt. Wer seinen Narzißmus gegen die Verehrung eines hohen Ichideals eingetauscht hat,
dem braucht darum die Sublimierung seiner libidinösen Triebe nicht gelungen zu sein. Das
Ichideal fordert zwar solche Sublimierung, aber es kann sie nicht erzwingen; die Sublimierung
bleibt ein besonderer Prozeß, dessen Einleitung vom Ideal angeregt werden mag, dessen
Durchführung durchaus unabhängig von solcher Anregung bleibt. Man findet gerade bei den
Neurotikern die höchsten Spannungsdifferenzen zwischen der Ausbildung des Ichideals und dem
Maß von Sublimierung ihrer primitiven libidinösen Triebe, und es fällt im allgemeinen viel
schwerer, den Idealisten von dem unzweckmäßigen Verbleib seiner Libido zu überzeugen, als
den simplen, in seinen Ansprüchen genügsam gebliebenen Menschen. Das Verhältnis von
Idealbildung und Sublimierung zur Verursachung der Neurose ist auch ein ganz verschiedenes.
Die Idealbildung steigert, wie wir gehört haben, die Anforderungen des Ichs und ist die stärkste
Begünstigung der Verdrängung; die Sublimierung stellt den Ausweg dar, wie die Anforderung
erfüllt werden kann, ohne die Verdrängung herbeizuführen.
Es wäre nicht zu verwundern, wenn wir eine besondere psychische Instanz auffinden sollten,
welche die Aufgabe erfüllt, über die Sicherung der narzißtischen Befriedigung aus dem Ichideal
zu wachen, und in dieser Absicht das aktuelle Ich unausgesetzt beobachtet und am Ideal mißt.
Wenn eine solche Instanz existiert, so kann es uns unmöglich zustoßen, sie zu entdecken; wir
können sie nur als solche agnoszieren und dürfen uns sagen, daß das, was wir unser Gewissen
heißen, diese Charakteristik erfüllt. Die Anerkennung dieser Instanz ermöglicht uns das
Verständnis des sogenannten Beachtungs- oder richtiger Beobachtungswahnes, welcher in der
Symptomatologie der paranoiden Erkrankungen so deutlich hervortritt, vielleicht auch als
isolierte Erkrankung oder in eine Übertragungsneurose eingesprengt vorkommen kann. Die
Kranken klagen dann darüber, daß man alle ihre Gedanken kennt, ihre Handlungen beobachtet
und beaufsichtigt; sie werden von dem Walten dieser Instanz durch Stimmen informiert, welche
charakteristischerweise in der dritten Person zu ihnen sprechen. (»Jetzt denkt sie wieder daran«;
»jetzt geht er fort«.) Diese Klage hat recht, sie beschreibt die Wahrheit; eine solche Macht, die
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin