Seite - 760 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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alle unsere Absichten beobachtet, erfährt und kritisiert, besteht wirklich, und zwar bei uns allen
im normalen Leben. Der Beobachtungswahn stellt sie in regressiver Form dar, enthüllt dabei ihre
Genese und den Grund, weshalb sich der Erkrankte gegen sie auflehnt.
Die Anregung zur Bildung des Ichideals, als dessen Wächter das Gewissen bestellt ist, war
nämlich von dem durch die Stimme vermittelten kritischen Einfluß der Eltern ausgegangen, an
welche sich im Laufe der Zeiten die Erzieher, Lehrer und als unübersehbarer, unbestimmbarer
Schwarm alle anderen Personen des Milieus angeschlossen hatten. (Die Mitmenschen, die
öffentliche Meinung.)
Große Beträge von wesentlich homosexueller Libido würden so zur Bildung des narzißtischen
Ichideals herangezogen und finden in der Erhaltung desselben Ableitung und Befriedigung. Die
Institution des Gewissens war im Grunde eine Verkörperung zunächst der elterlichen Kritik, in
weiterer Folge der Kritik der Gesellschaft, ein Vorgang, wie er sich bei der Entstehung einer
Verdrängungsneigung aus einem zuerst äußerlichen Verbot oder Hindernis wiederholt. Die
Stimmen sowie die unbestimmt gelassene Menge werden nun von der Krankheit zum Vorschein
gebracht, damit die Entwicklungsgeschichte des Gewissens regressiv reproduziert. Das Sträuben
gegen diese zensorische Instanz rührt aber daher, daß die Person, dem Grundcharakter der
Krankheit entsprechend, sich von all diesen Einflüssen, vom elterlichen angefangen, ablösen will,
die homosexuelle Libido von ihnen zurückzieht. Ihr Gewissen tritt ihr dann in regressiver
Darstellung als Einwirkung von außen feindselig entgegen.
Die Klage der Paranoia zeigt auch, daß die Selbstkritik des Gewissens im Grunde mit der
Selbstbeobachtung, auf die sie gebaut ist, zusammenfällt. Dieselbe psychische Tätigkeit, welche
die Funktion des Gewissens übernommen hat, hat sich also auch in den Dienst der
Innenforschung gestellt, welche der Philosophie das Material für ihre Gedankenoperationen
liefert. Das mag für den Antrieb zur spekulativen Systembildung, welcher die Paranoia
auszeichnet, nicht gleichgültig sein[13].
Es wird uns gewiß bedeutsam sein, wenn wir die Anzeichen von der Tätigkeit dieser kritisch
beobachtenden – zum Gewissen und zur philosophischen Introspektion gesteigerten – Instanz
noch auf anderen Gebieten zu erkennen vermögen. Ich ziehe hier heran, was H. Silberer als das
»funktionelle Phänomen« beschrieben hat, eine der wenigen Ergänzungen zur Traumlehre, deren
Wert unbestreitbar ist. Silberer hat bekanntlich gezeigt, daß man in Zuständen zwischen Schlafen
und Wachen die Umsetzung von Gedanken in visuelle Bilder direkt beobachten kann, daß aber
unter solchen Verhältnissen häufig nicht eine Darstellung des Gedankeninhalts auftritt, sondern
des Zustandes (von Bereitwilligkeit, Ermüdung usw.), in welchem sich die mit dem Schlaf
kämpfende Person befindet. Ebenso hat er gezeigt, daß manche Schlüsse von Träumen und
Absätze innerhalb des Trauminhaltes nichts anderes bedeuten als die Selbstwahrnehmung des
Schlafens und Erwachens. Er hat also den Anteil der Selbstbeobachtung – im Sinne des
paranoischen Beobachtungswahnes – an der Traumbildung nachgewiesen. Dieser Anteil ist ein
inkonstanter; ich habe ihn wahrscheinlich darum übersehen, weil er in meinen eigenen Träumen
keine große Rolle spielt; bei philosophisch begabten, an Introspektion gewöhnten Personen mag
er sehr deutlich werden.
Wir erinnern uns, daß wir gefunden haben, die Traumbildung entstehe unter der Herrschaft einer
Zensur, welche die Traumgedanken zur Entstellung nötigt. Unter dieser Zensur stellten wir uns
aber keine besondere Macht vor, sondern wählten diesen Ausdruck für die den Traumgedanken
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin