Seite - 761 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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zugewandte Seite der das Ich beherrschenden, verdrängenden Tendenzen. Gehen wir in die
Struktur des Ichs weiter ein, so dürfen wir im Ichideal und den dynamischen Äußerungen des
Gewissens auch den Traumzensor erkennen. Merkt dieser Zensor ein wenig auch während des
Schlafes auf, so werden wir verstehen, daß die Voraussetzung seiner Tätigkeit, die
Selbstbeobachtung und Selbstkritik, mit Inhalten, wie »jetzt ist er zu schläfrig, um zu denken« –
»jetzt wacht er auf«, einen Beitrag zum Trauminhalt leistet[14].
Von hier aus dürfen wir die Diskussion des Selbstgefühls beim Normalen und beim Neurotischen
versuchen.
Das Selbstgefühl erscheint uns zunächst als Ausdruck der Ichgröße, deren Zusammengesetztheit
nicht weiter in Betracht kommt. Alles, was man besitzt oder erreicht hat, jeder durch die
Erfahrung bestätigte Rest des primitiven Allmachtgefühls hilft das Selbstgefühl steigern.
Wenn wir unsere Unterscheidung von Sexual- und Ichtrieben einführen, müssen wir dem
Selbstgefühl eine besonders innige Abhängigkeit von der narzißtischen Libido zuerkennen. Wir
lehnen uns dabei an die zwei Grundtatsachen an, daß bei den Paraphrenien das Selbstgefühl
gesteigert, bei den Übertragungsneurosen herabgesetzt ist und daß im Liebesleben das
Nichtgeliebtwerden das Selbstgefühl erniedrigt, das Geliebtwerden dasselbe erhöht. Wir haben
angegeben, daß Geliebtwerden das Ziel und die Befriedigung bei narzißtischer Objektwahl
darstellt. Es ist ferner leicht zu beobachten, daß die Libidobesetzung der Objekte das Selbstgefühl
nicht erhöht. Die Abhängigkeit vom geliebten Objekt wirkt herabsetzend; wer verliebt ist, ist
demütig. Wer liebt, hat sozusagen ein Stück seines Narzißmus eingebüßt und kann es erst durch
das Geliebtwerden ersetzt erhalten. In all diesen Beziehungen scheint das Selbstgefühl in
Relation mit dem narzißtischen Anteil am Liebesleben zu bleiben.
Die Wahrnehmung der Impotenz, des eigenen Unvermögens zu lieben, infolge seelischer oder
körperlicher Störungen, wirkt im hohen Grade herabsetzend auf das Selbstgefühl ein. Hier ist
nach meinem Ermessen eine der Quellen für die so bereitwillig kundgegebenen
Minderwertigkeitsgefühle der Übertragungsneurotiker zu suchen. Die Hauptquelle dieser Gefühle
ist aber die Ichverarmung, welche sich aus den außerordentlich großen, dem Ich entzogenen
Libidobesetzungen ergibt, also die Schädigung des Ichs durch die der Kontrolle nicht mehr
unterworfenen Sexualstrebungen.
A. Adler hat mit Recht geltend gemacht, daß die Wahrnehmung eigener
Organminderwertigkeiten anspornend auf ein leistungsfähiges Seelenleben wirkt und auf dem
Wege der Überkompensation eine Mehrleistung hervorruft. Es wäre aber eine volle Übertreibung,
wenn man jede gute Leistung nach seinem Vorgang auf diese Bedingung der ursprünglichen
Organminderwertigkeit zurückführen wollte. Nicht alle Maler sind mit Augenfehlern behaftet,
nicht alle Redner ursprünglich Stotterer gewesen. Es gibt auch reichlich vortreffliche Leistung
auf Grund vorzüglicher Organbegabung. Für die Ätiologie der Neurose spielt organische
Minderwertigkeit und Verkümmerung eine geringfügige Rolle, etwa die nämliche wie das
aktuelle Wahrnehmungsmaterial für die Traumbildung. Die Neurose bedient sich desselben als
Vorwand wie aller anderen tauglichen Momente. Hat man eben einer neurotischen Patientin den
Glauben geschenkt, daß sie krank werden mußte, weil sie unschön, mißgebildet, reizlos sei, so
daß niemand sie lieben könne, so wird man durch die nächste Neurotika eines Besseren belehrt,
die in Neurose und Sexualablehnung verharrt, obwohl sie über das Durchschnittsmaß
begehrenswert erscheint und begehrt wird. Die hysterischen Frauen gehören in ihrer Mehrzahl zu
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin