Seite - 762 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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den anziehenden und selbst schönen Vertreterinnen ihres Geschlechts, und anderseits leistet die
Häufung von Häßlichkeiten, Organverkümmerungen und Gebrechen bei den niederen Ständen
unserer Gesellschaft nichts für die Frequenz neurotischer Erkrankungen in ihrer Mitte.
Die Beziehungen des Selbstgefühls zur Erotik (zu den libidinösen Objektbesetzungen) lassen sich
formelhaft in folgender Weise darstellen: Man hat die beiden Fälle zu unterscheiden, ob die
Liebesbesetzungen ichgerecht sind oder im Gegenteil eine Verdrängung erfahren haben. Im
ersteren Falle (bei ichgerechter Verwendung der Libido) wird das Lieben wie jede andere
Betätigung des Ichs gewertet. Das Lieben an sich, als Sehnen, Entbehren, setzt das Selbstgefühl
herab, das Geliebtwerden, Gegenliebe finden, Besitzen des geliebten Objekts hebt es wieder. Bei
verdrängter Libido wird die Liebesbesetzung als arge Verringerung des Ichs empfunden,
Liebesbefriedigung ist unmöglich, die Wiederbereicherung des Ichs wird nur durch die
Zurückziehung der Libido von den Objekten möglich. Die Rückkehr der Objektlibido zum Ich,
deren Verwandlung in Narzißmus, stellt gleichsam wieder eine glückliche Liebe dar, und
anderseits entspricht auch eine reale glückliche Liebe dem Urzustand, in welchem Objekt- und
Ichlibido voneinander nicht zu unterscheiden sind.
Die Wichtigkeit und Unübersichtlichkeit des Gegenstandes möge nun die Anfügung von einigen
anderen Sätzen in loserer Anordnung rechtfertigen:
Die Entwicklung des Ichs besteht in einer Entfernung vom primären Narzißmus und erzeugt ein
intensives Streben, diesen wiederzugewinnen. Diese Entfernung geschieht vermittels der
Libidoverschiebung auf ein von außen aufgenötigtes Ichideal, die Befriedigung durch die
Erfüllung dieses Ideals.
Gleichzeitig hat das Ich die libidinösen Objektbesetzungen ausgeschickt. Es ist zugunsten dieser
Besetzungen wie des Ichideals verarmt und bereichert sich wieder durch die
Objektbefriedigungen wie durch die Idealerfüllung.
Ein Anteil des Selbstgefühls ist primär, der Rest des kindlichen Narzißmus, ein anderer Teil
stammt aus der durch Erfahrung bestätigten Allmacht (der Erfüllung des Ichideals), ein dritter aus
der Befriedigung der Objektlibido.
Das Ichideal hat die Libidobefriedigung an den Objekten unter schwierige Bedingungen
gebracht, indem es einen Teil derselben durch seinen Zensor als unverträglich abweisen läßt. Wo
sich ein solches Ideal nicht entwickelt hat, da tritt die betreffende sexuelle Strebung unverändert
als Perversion in die Persönlichkeit ein. Wiederum ihr eigenes Ideal sein, auch in betreff der
Sexualstrebungen, wie in der Kindheit, das wollen die Menschen als ihr Glück erreichen.
Die Verliebtheit besteht in einem Überströmen der Ichlibido auf das Objekt. Sie hat die Kraft,
Verdrängungen aufzuheben und Perversionen wiederherzustellen. Sie erhebt das Sexualobjekt
zum Sexualideal. Da sie bei dem Objekt- oder Anlehnungstypus auf Grund der Erfüllung
infantiler Liebesbedingungen erfolgt, kann man sagen: Was diese Liebesbedingung erfüllt, wird
idealisiert.
Das Sexualideal kann in eine interessante Hilfsbeziehung zum Ichideal treten. Wo die
narzißtische Befriedigung auf reale Hindernisse stößt, kann das Sexualideal zur
Ersatzbefriedigung verwendet werden. Man liebt dann nach dem Typus der narzißtischen
Objektwahl das, was man war und eingebüßt hat oder was die Vorzüge besitzt, die man
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin