Seite - 763 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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überhaupt nicht hat (vergleiche oben unter c). Die der obigen parallele Formel lautet: Was den
dem Ich zum Ideal fehlenden Vorzug besitzt, wird geliebt. Dieser Fall der Aushilfe hat eine
besondere Bedeutung für den Neurotiker, der durch seine übermäßigen Objektbesetzungen im Ich
verarmt und außerstande ist, sein Ichideal zu erfüllen. Er sucht dann von seiner
Libidoverschwendung an die Objekte den Rückweg zum Narzißmus, indem er sich ein
Sexualideal nach dem narzißtischen Typus wählt, welches die von ihm nicht zu erreichenden
Vorzüge besitzt. Dies ist die Heilung durch Liebe, welche er in der Regel der analytischen
vorzieht. Ja, er kann an einen anderen Mechanismus der Heilung nicht glauben, bringt meist die
Erwartung desselben in die Kur mit und richtet sie auf die Person des ihn behandelnden Arztes.
Diesem Heilungsplan steht natürlich die Liebesunfähigkeit des Kranken infolge seiner
ausgedehnten Verdrängungen im Wege. Hat man dieser durch die Behandlung bis zu einem
gewissen Grade abgeholfen, so erlebt man häufig den unbeabsichtigten Erfolg, daß der Kranke
sich nun der weiteren Behandlung entzieht, um eine Liebeswahl zu treffen und die weitere
Herstellung dem Zusammenleben mit der geliebten Person zu überlassen. Man könnte mit diesem
Ausgang zufrieden sein, wenn er nicht alle Gefahren der drückenden Abhängigkeit von diesem
Nothelfer mit sich brächte.
Vom Ichideal aus führt ein bedeutsamer Weg zum Verständnis der Massenpsychologie. Dies
Ideal hat außer seinem individuellen einen sozialen Anteil, es ist auch das gemeinsame Ideal
einer Familie, eines Standes, einer Nation. Es hat außer der narzißtischen Libido einen großen
Betrag der homosexuellen Libido einer Person gebunden, welcher auf diesem Wege ins Ich
zurückgekehrt ist. Die Unbefriedigung durch Nichterfüllung dieses Ideals macht homosexuelle
Libido frei, welche sich in Schuldbewußtsein (soziale Angst) verwandelt. Das Schuldbewußtsein
war ursprünglich Angst vor der Strafe der Eltern, richtiger gesagt: vor dem Liebesverlust bei
ihnen; an Stelle der Eltern ist später die unbestimmte Menge der Genossen getreten. Die häufige
Verursachung der Paranoia durch Kränkung des Ichs, Versagung der Befriedigung im Bereiche
des Ichideals, wird so verständlicher, auch das Zusammentreffen von Idealbildung und
Sublimierung im Ichideal, die Rückbildung der Sublimierungen und eventuelle Umbildung der
Ideale bei den paraphrenischen Erkrankungen.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin