Seite - 766 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Flucht vor der Reizquelle hinzustellen ist. Natürlich können sich diese Stöße auch wiederholen
und summieren, aber das ändert nichts an der Auffassung des Vorganges und an den
Bedingungen der Reizaufhebung. Der Trieb hingegen wirkt nie wie eine momentane Stoßkraft,
sondern immer wie eine konstante Kraft. Da er nicht von außen, sondern vom Körperinnern her
angreift, kann auch keine Flucht gegen ihn nützen. Wir heißen den Triebreiz besser »Bedürfnis«;
was dieses Bedürfnis aufhebt, ist die » Befriedigung«. Sie kann nur durch eine zielgerechte
(adäquate) Veränderung der inneren Reizquelle gewonnen werden.
Stellen wir uns auf den Standpunkt eines fast völlig hilflosen, in der Welt noch unorientierten
Lebewesens, welches Reize in seiner Nervensubstanz auffängt. Dies Wesen wird sehr bald in die
Lage kommen, eine erste Unterscheidung zu machen und eine erste Orientierung zu gewinnen. Es
wird einerseits Reize verspüren, denen es sich durch eine Muskelaktion (Flucht) entziehen kann,
diese Reize rechnet es zu einer Außenwelt; anderseits aber auch noch Reize, gegen welche eine
solche Aktion nutzlos bleibt, die trotzdem ihren konstant drängenden Charakter behalten; diese
Reize sind das Kennzeichen einer Innenwelt, der Beweis für Triebbedürfnisse. Die
wahrnehmende Substanz des Lebewesens wird so an der Wirksamkeit ihrer Muskeltätigkeit einen
Anhaltspunkt gewonnen haben, um ein »Außen« von einem »Innen« zu scheiden.
Wir finden also das Wesen des Triebes zunächst in seinen Hauptcharakteren, der Herkunft von
Reizquellen im Innern des Organismus, dem Auftreten als konstante Kraft, und leiten davon eines
seiner weiteren Merkmale, seine Unbezwingbarkeit durch Fluchtaktionen ab. Während dieser
Erörterungen mußte uns aber etwas auffallen, was uns ein weiteres Eingeständnis abnötigt. Wir
bringen nicht nur gewisse Konventionen als Grundbegriffe an unser Erfahrungsmaterial heran,
sondern bedienen uns auch mancher komplizierter Voraussetzungen, um uns bei der Bearbeitung
der psychologischen Erscheinungswelt leiten zu lassen. Die wichtigste dieser Voraussetzungen
haben wir bereits angeführt; es erübrigt uns nur noch, sie ausdrücklich hervorzuheben. Sie ist
biologischer Natur, arbeitet mit dem Begriff der Tendenz (eventuell der Zweckmäßigkeit) und
lautet: Das Nervensystem ist ein Apparat, dem die Funktion erteilt ist, die anlangenden Reize
wieder zu beseitigen, auf möglichst niedriges Niveau herabzusetzen, oder der, wenn es nur
möglich wäre, sich überhaupt reizlos erhalten wollte. Nehmen wir an der Unbestimmtheit dieser
Idee vorläufig keinen Anstoß und geben wir dem Nervensystem die Aufgabe – allgemein
gesprochen: der Reizbewältigung. Wir sehen dann, wie sehr die Einführung der Triebe das
einfache physiologische Reflexschema kompliziert. Die äußeren Reize stellen nur die eine
Aufgabe, sich ihnen zu entziehen, dies geschieht dann durch Muskelbewegungen, von denen
endlich eine das Ziel erreicht und dann als die zweckmäßige zur erblichen Disposition wird. Die
im Innern des Organismus entstehenden Triebreize sind durch diesen Mechanismus nicht zu
erledigen. Sie stellen also weit höhere Anforderungen an das Nervensystem, veranlassen es zu
verwickelten, ineinandergreifenden Tätigkeiten, welche die Außenwelt so weit verändern, daß sie
der inneren Reizquelle die Befriedigung bietet, und nötigen es vor allem, auf seine ideale Absicht
der Reizfernhaltung zu verzichten, da sie eine unvermeidliche kontinuierliche Reizzufuhr
unterhalten. Wir dürfen also wohl schließen, daß sie, die Triebe, und nicht die äußeren Reize, die
eigentlichen Motoren der Fortschritte sind, welche das so unendlich leistungsfähige
Nervensystem auf seine gegenwärtige Entwicklungshöhe gebracht haben. Natürlich steht nichts
der Annahme im Wege, daß die Triebe selbst, wenigstens zum Teil, Niederschläge äußerer
Reizwirkungen sind, welche im Laufe der Phylogenese auf die lebende Substanz verändernd
einwirkten.
Wenn wir dann finden, daß die Tätigkeit auch der höchstentwickelten Seelenapparate dem
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin