Seite - 767 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Lustprinzip unterliegt, d. h. durch Empfindungen der Lust-Unlustreihe automatisch reguliert wird,
so können wir die weitere Voraussetzung schwerlich abweisen, daß diese Empfindungen die Art,
wie die Reizbewältigung vor sich geht, wiedergeben. Sicherlich in dem Sinne, daß die
Unlustempfindung mit Steigerung, die Lustempfindung mit Herabsetzung des Reizes zu tun hat.
Die weitgehende Unbestimmtheit dieser Annahme wollen wir aber sorgfältig festhalten, bis es
uns etwa gelingt, die Art der Beziehung zwischen Lust-Unlust und den Schwankungen der auf
das Seelenleben wirkenden Reizgrößen zu erraten. Es sind gewiß sehr mannigfache und nicht
sehr einfache solcher Beziehungen möglich.
Wenden wir uns nun von der biologischen Seite her der Betrachtung des Seelenlebens zu, so
erscheint uns der »Trieb« als ein Grenzbegriff zwischen Seelischem und Somatischem, als
psychischer Repräsentant der aus dem Körperinnern stammenden, in die Seele gelangenden
Reize, als ein Maß der Arbeitsanforderung, die dem Seelischen infolge seines Zusammenhanges
mit dem Körperlichen auferlegt ist.
Wir können nun einige Termini diskutieren, welche im Zusammenhang mit dem Begriffe Trieb
gebraucht werden, wie: Drang, Ziel, Objekt, Quelle des Triebes.
Unter dem Drange eines Triebes versteht man dessen motorisches Moment, die Summe von
Kraft oder das Maß von Arbeitsanforderung, das er repräsentiert. Der Charakter des Drängenden
ist eine allgemeine Eigenschaft der Triebe, ja das Wesen derselben. Jeder Trieb ist ein Stück
Aktivität; wenn man lässigerweise von passiven Trieben spricht, kann man nichts anderes meinen
als Triebe mit passivem Ziele.
Das Ziel eines Triebes ist allemal die Befriedigung, die nur durch Aufhebung des Reizzustandes
an der Triebquelle erreicht werden kann. Aber wenn auch dies Endziel für jeden Trieb
unveränderlich bleibt, so können doch verschiedene Wege zum gleichen Endziel führen, so daß
sich mannigfache nähere oder intermediäre Ziele für einen Trieb ergeben können, die miteinander
kombiniert oder gegeneinander vertauscht werden. Die Erfahrung gestattet uns auch, von »
zielgehemmten« Trieben zu sprechen bei Vorgängen, die ein Stück weit in der Richtung der
Triebbefriedigung zugelassen werden, dann aber eine Hemmung oder Ablenkung erfahren. Es ist
anzunehmen, daß auch mit solchen Vorgängen eine partielle Befriedigung verbunden ist.
Das Objekt des Triebes ist dasjenige, an welchem oder durch welches der Trieb sein Ziel
erreichen kann. Es ist das variabelste am Triebe, nicht ursprünglich mit ihm verknüpft, sondern
ihm nur infolge seiner Eignung zur Ermöglichung der Befriedigung zugeordnet. Es ist nicht
notwendig ein fremder Gegenstand, sondern ebensowohl ein Teil des eigenen Körpers. Es kann
im Laufe der Lebensschicksale des Triebes beliebig oft gewechselt werden; dieser Verschiebung
des Triebes fallen die bedeutsamsten Rollen zu. Es kann der Fall vorkommen, daß dasselbe
Objekt gleichzeitig mehreren Trieben zur Befriedigung dient, nach Alfred Adler der Fall der
Triebverschränkung. Eine besonders innige Bindung des Triebes an das Objekt wird als
Fixierung desselben hervorgehoben. Sie vollzieht sich oft in sehr frühen Perioden der
Triebentwicklung und macht der Beweglichkeit des Triebes ein Ende, indem sie der Lösung
intensiv widerstrebt.
Unter der Quelle des Triebes versteht man jenen somatischen Vorgang in einem Organ oder
Körperteil, dessen Reiz im Seelenleben durch den Trieb repräsentiert ist. Es ist unbekannt, ob
dieser Vorgang regelmäßig chemischer Natur ist oder auch der Entbindung anderer, z. B.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin