Seite - 769 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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gewiß nicht zuwider. Die Biologie lehrt, daß die Sexualität nicht gleichzustellen ist den anderen
Funktionen des Individuums, da ihre Tendenzen über das Individuum hinausgehen und die
Produktion neuer Individuen, also die Erhaltung der Art, zum Inhalt haben. Sie zeigt uns ferner,
daß zwei Auffassungen des Verhältnisses zwischen Ich und Sexualität wie gleichberechtigt
nebeneinanderstehen, die eine, nach welcher das Individuum die Hauptsache ist und die
Sexualität als eine seiner Betätigungen, die Sexualbefriedigung als eines seiner Bedürfnisse
wertet, und eine andere, derzufolge das Individuum ein zeitweiliger und vergänglicher Anhang an
das quasi unsterbliche Keimplasma ist, welches ihm von der Generation anvertraut wurde. Die
Annahme, daß sich die Sexualfunktion durch einen besonderen Chemismus von den anderen
Körpervorgängen scheidet, bildet, soviel ich weiß, auch eine Voraussetzung der Ehrlichschen
biologischen Forschung.
Da das Studium des Trieblebens vom Bewußtsein her kaum übersteigbare Schwierigkeiten bietet,
bleibt die psychoanalytische Erforschung der Seelenstörungen die Hauptquelle unserer Kenntnis.
Ihrem Entwicklungsgang entsprechend hat uns aber die Psychoanalyse bisher nur über die
Sexualtriebe einigermaßen befriedigende Auskünfte bringen können, weil sie gerade nur diese
Triebgruppe an den Psychoneurosen wie isoliert beobachten konnte. Mit der Ausdehnung der
Psychoanalyse auf die anderen neurotischen Affektionen wird gewiß auch unsere Kenntnis der
Ichtriebe begründet werden, obwohl es vermessen erscheint, auf diesem weiteren
Forschungsgebiete ähnlich günstige Bedingungen für die Beobachtung zu erwarten.
Zu einer allgemeinen Charakteristik der Sexualtriebe kann man folgendes aussagen: Sie sind
zahlreich, entstammen vielfältigen organischen Quellen, betätigen sich zunächst unabhängig
voneinander und werden erst spät zu einer mehr oder minder vollkommenen Synthese
zusammengefaßt. Das Ziel, das jeder von ihnen anstrebt, ist die Erreichung der Organlust; erst
nach vollzogener Synthese treten sie in den Dienst der Fortpflanzungsfunktion, womit sie dann
als Sexualtriebe allgemein kenntlich werden. Bei ihrem ersten Auftreten lehnen sie sich zuerst an
die Erhaltungstriebe an, von denen sie sich erst allmählich ablösen, folgen auch bei der
Objektfindung den Wegen, die ihnen die Ichtriebe weisen. Ein Anteil von ihnen bleibt den
Ichtrieben zeitlebens gesellt und stattet diese mit libidinösen Komponenten aus, welche während
der normalen Funktion leicht übersehen und erst durch die Erkrankung klargelegt werden. Sie
sind dadurch ausgezeichnet, daß sie in großem Ausmaße vikariierend füreinander eintreten und
leicht ihre Objekte wechseln können. Infolge der letztgenannten Eigenschaften sind sie zu
Leistungen befähigt, die weitab von ihren ursprünglichen Zielhandlungen liegen. (Sublimierung.)
Die Untersuchung, welche Schicksale Triebe im Laufe der Entwicklung und des Lebens erfahren
können, werden wir auf die uns besser bekannten Sexualtriebe einschränken müssen. Die
Beobachtung lehrt uns als solche Triebschicksale folgende kennen:
Die Verkehrung ins Gegenteil.
Die Wendung gegen die eigene Person.
Die Verdrängung.
Die Sublimierung.
Da ich die Sublimierung hier nicht zu behandeln gedenke, die Verdrängung aber ein besonderes
Kapitel beansprucht, erübrigt uns nur Beschreibung und Diskussion der beiden ersten Punkte. Mit
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin