Seite - 771 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Zufügung von Schmerzen nicht in Betracht und beabsichtigt sie nicht. Wenn sich aber einmal die
Umwandlung in Masochismus vollzogen hat, eignen sich die Schmerzen sehr wohl, ein passives
masochistisches Ziel abzugeben, denn wir haben allen Grund anzunehmen, daß auch die
Schmerz- wie andere Unlustempfindungen auf die Sexualerregung übergreifen und einen
lustvollen Zustand erzeugen, um dessentwillen man sich auch die Unlust des Schmerzes gefallen
lassen kann. Ist das Empfinden von Schmerzen einmal ein masochistisches Ziel geworden, so
kann sich rückgreifend auch das sadistische Ziel, Schmerzen zuzufügen, ergeben, die man,
während man sie anderen erzeugt, selbst masochistisch in der Identifizierung mit dem leidenden
Objekt genießt. Natürlich genießt man in beiden Fällen nicht den Schmerz selbst, sondern die ihn
begleitende Sexualerregung, und dies dann als Sadist besonders bequem. Das Schmerzgenießen
wäre also ein ursprünglich masochistisches Ziel, das aber nur beim ursprünglich Sadistischen
zum Triebziele werden kann.
Der Vollständigkeit zuliebe füge ich an, daß das Mitleid nicht als ein Ergebnis der
Triebverwandlung beim Sadismus beschrieben werden kann, sondern die Auffassung einer
Reaktionsbildung gegen den Trieb (über den Unterschied s. später) erfordert.
Etwas andere und einfachere Ergebnisse liefert die Untersuchung eines anderen Gegensatzpaares,
der Triebe, die das Schauen und Sichzeigen zum Ziele haben. (Voyeur und Exhibitionist in der
Sprache der Perversionen.) Auch hier kann man die nämlichen Stufen aufstellen wie im vorigen
Falle: a) Das Schauen als Aktivität gegen ein fremdes Objekt gerichtet; b) das Aufgeben des
Objektes, die Wendung des Schautriebes gegen einen Teil des eigenen Körpers, damit die
Verkehrung in Passivität und die Aufstellung des neuen Zieles: beschaut zu werden; c) die
Einsetzung eines neuen Subjektes, dem man sich zeigt, um von ihm beschaut zu werden. Es ist
auch kaum zweifelhaft, daß das aktive Ziel früher auftritt als das passive, das Schauen dem
Beschautwerden vorangeht. Aber eine bedeutsame Abweichung vom Falle des Sadismus liegt
darin, daß beim Schautrieb eine noch frühere Stufe als die mit a bezeichnete zu erkennen ist. Der
Schautrieb ist nämlich zu Anfang seiner Betätigung autoerotisch, er hat wohl ein Objekt, aber er
findet es am eigenen Körper. Erst späterhin wird er dazu geleitet (auf dem Wege der
Vergleichung), dies Objekt mit einem analogen des fremden Körpers zu vertauschen (Stufe a).
Diese Vorstufe ist nun dadurch interessant, daß aus ihr die beiden Situationen des resultierenden
Gegensatzpaares hervorgehen, je nachdem der Wechsel an der einen oder anderen Stelle
vorgenommen wird. Das Schema für den Schautrieb könnte lauten:
α) Selbst ein Sexualglied beschauen = Sexualglied von eigener Person
beschaut werden | | β) Selbst fremdes Objekt beschauen
(aktive Schaulust) γ) Eigenes Objekt von fremder
Person beschaut werden.
(Zeigelust, Exhibition). Eine solche Vorstufe fehlt dem Sadismus, der sich von vornherein auf
ein fremdes Objekt richtet, obwohl es nicht gerade widersinnig wäre, sie aus den Bemühungen
des Kindes, das seiner eigenen Glieder Herr werden will, zu konstruieren[17].
Für beide hier betrachteten Triebbeispiele gilt die Bemerkung, daß die Triebverwandlung durch
Verkehrung der Aktivität in Passivität und Wendung gegen die eigene Person eigentlich niemals
am ganzen Betrag der Triebregung vorgenommen wird. Die ältere, aktive Triebrichtung bleibt in
gewissem Ausmaße neben der jüngeren, passiven bestehen, auch wenn der Prozeß der
Triebumwandlung sehr ausgiebig ausgefallen ist. Die einzig richtige Aussage über den
Schautrieb müßte lauten, daß alle Entwicklungsstufen des Triebes, die autoerotische Vorstufe wie
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin