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die aktive und passive Endgestaltung nebeneinander bestehenbleiben, und diese Behauptung wird
evident, wenn man anstatt der Triebhandlungen den Mechanismus der Befriedigung zur
Grundlage seines Urteiles nimmt. Vielleicht ist übrigens noch eine andere Auffassungs- und
Darlegungsweise gerechtfertigt. Man kann sich jedes Triebleben in einzelne zeitlich geschiedene
und innerhalb der (beliebigen) Zeiteinheit gleichartige Schübe zerlegen, die sich etwa zueinander
verhalten wie sukzessive Lavaeruptionen. Dann kann man sich etwa vorstellen, die erste und
ursprünglichste Trieberuption setze sich ungeändert fort und erfahre überhaupt keine
Entwicklung. Ein nächster Schub unterliege von Anfang an einer Veränderung, etwa der
Wendung zur Passivität, und addiere sich nun mit diesem neuen Charakter zum früheren hinzu
usw. Überblickt man dann die Triebregung von ihrem Anfang an bis zu einem gewissen
Haltepunkt, so muß die beschriebene Sukzession der Schübe das Bild einer bestimmten
Entwicklung des Triebes ergeben.
Die Tatsache, daß zu jener späteren Zeit der Entwicklung neben einer Triebregung ihr (passiver)
Gegensatz zu beobachten ist, verdient die Hervorhebung durch den trefflichen, von Bleuler
eingeführten Namen: Ambivalenz.
Die Triebentwicklung wäre unserem Verständnis durch den Hinweis auf die
Entwicklungsgeschichte des Triebes und die Permanenz der Zwischenstufen nahegerückt. Das
Ausmaß der nachweisbaren Ambivalenz wechselt erfahrungsgemäß in hohem Grade bei
Individuen, Menschengruppen oder Rassen. Eine ausgiebige Triebambivalenz bei einem heute
Lebenden kann als archaisches Erbteil aufgefaßt werden, da wir Grund zur Annahme haben, der
Anteil der unverwandelten aktiven Regungen am Triebleben sei in Urzeiten größer gewesen als
durchschnittlich heute.
Wir haben uns daran gewöhnt, die frühe Entwicklungsphase des Ichs, während welcher dessen
Sexualtriebe sich autoerotisch befriedigen, Narzißmus zu heißen, ohne zunächst die Beziehung
zwischen Autoerotismus und Narzißmus in Diskussion zu ziehen. Dann müssen wir von der
Vorstufe des Schautriebes, auf der die Schaulust den eigenen Körper zum Objekt hat, sagen, sie
gehöre dem Narzißmus an, sei eine narzißtische Bildung. Aus ihr entwickle sich der aktive
Schautrieb, indem er den Narzißmus verläßt, der passive Schautrieb halte aber das narzißtische
Objekt fest. Ebenso bedeute die Umwandlung des Sadismus in Masochismus eine Rückkehr zum
narzißtischen Objekt, während in beiden Fällen das narzißtische Subjekt durch Identifizierung
mit einem anderen, fremden Ich vertauscht wird. Mit Rücksichtnahme auf die konstruierte
narzißtische Vorstufe des Sadismus nähern wir uns so der allgemeineren Einsicht, daß die
Triebschicksale der Wendung gegen das eigene Ich und der Verkehrung von Aktivität in
Passivität von der narzißtischen Organisation des Ichs abhängig sind und den Stempel dieser
Phase an sich tragen. Sie entsprechen vielleicht den Abwehrversuchen, die auf höheren Stufen
der Ichentwicklung mit anderen Mitteln durchgeführt werden.
Wir besinnen uns hier, daß wir bisher nur die zwei Triebgegensatzpaare: Sadismus–Masochismus
und Schaulust–Zeigelust in Erörterung gezogen haben. Es sind dies die bestbekannten ambivalent
auftretenden Sexualtriebe. Die anderen Komponenten der späteren Sexualfunktion sind der
Analyse noch nicht genug zugänglich geworden, um sie in ähnlicher Weise diskutieren zu
können. Wir können von ihnen allgemein aussagen, daß sie sich autoerotisch betätigen, d. h., ihr
Objekt verschwindet gegen das Organ, das ihre Quelle ist, und fällt in der Regel mit diesem
zusammen. Das Objekt des Schautriebes, obwohl auch zuerst ein Teil des eigenen Körpers, ist
doch nicht das Auge selbst, und beim Sadismus weist die Organquelle, wahrscheinlich die
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin