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äußeren Reize, aktiv durch seine eigenen Triebe. Der Gegensatz Aktiv–Passiv verschmilzt
späterhin mit dem von Männlich–Weiblich, der, ehe dies geschehen ist, keine psychologische
Bedeutung hat. Die Verlötung der Aktivität mit der Männlichkeit, der Passivität mit der
Weiblichkeit tritt uns nämlich als biologische Tatsache entgegen; sie ist aber keineswegs so
regelmäßig durchgreifend und ausschließlich, wie wir anzunehmen geneigt sind.
Die drei seelischen Polaritäten gehen die bedeutsamsten Verknüpfungen miteinander ein. Es gibt
eine psychische Ursituation, in welcher zwei derselben zusammentreffen. Das Ich findet sich
ursprünglich, zu allem Anfang des Seelenlebens, triebbesetzt und zum Teil fähig, seine Triebe an
sich selbst zu befriedigen. Wir heißen diesen Zustand den des Narzißmus, die
Befriedigungsmöglichkeit die autoerotische[18]. Die Außenwelt ist derzeit nicht mit Interesse
(allgemein gesprochen) besetzt und für die Befriedigung gleichgültig. Es fällt also um diese Zeit
das Ich-Subjekt mit dem Lustvollen, die Außenwelt mit dem Gleichgültigen (eventuell als
Reizquelle Unlustvollen) zusammen. Definieren wir zunächst das Lieben als die Relation des
Ichs zu seinen Lustquellen, so erläutert die Situation, in der es nur sich selbst liebt und gegen die
Welt gleichgültig ist, die erste der Gegensatzbeziehungen, in denen wir das »Lieben« gefunden
haben.
Das Ich bedarf der Außenwelt nicht, insofern es autoerotisch ist, es bekommt aber Objekte aus ihr
infolge der Erlebnisse der Icherhaltungstriebe und kann doch nicht umhin, innere Triebreize als
unlustvoll für eine Zeit zu verspüren. Unter der Herrschaft des Lustprinzips vollzieht sich nun in
ihm eine weitere Entwicklung. Es nimmt die dargebotenen Objekte, insofern sie Lustquellen sind,
in sein Ich auf, introjiziert sich dieselben (nach dem Ausdrucke Ferenczis) und stößt anderseits
von sich aus, was ihm im eigenen Innern Unlustanlaß wird. (Siehe später den Mechanismus der
Projektion.)
Es wandelt sich so aus dem anfänglichen Real-Ich, welches Innen und Außen nach einem guten
objektiven Kennzeichen unterschieden hat, in ein purifiziertes Lust-Ich, welches den
Lustcharakter über jeden anderen setzt. Die Außenwelt zerfällt ihm in einen Lustanteil, den es
sich einverleibt hat, und einen Rest, der ihm fremd ist. Aus dem eigenen Ich hat es einen
Bestandteil ausgesondert, den es in die Außenwelt wirft und als feindlich empfindet. Nach dieser
Umordnung ist die Deckung der beiden Polaritäten
Ich-Subjekt – mit Lust
Außenwelt – mit Unlust (von früher her Indifferenz)
wiederhergestellt.
Mit dem Eintreten des Objekts in die Stufe des primären Narzißmus erreicht auch der zweite
Gegensinn des Liebens, das Hassen, seine Ausbildung.
Das Objekt wird dem Ich, wie wir gehört haben, zuerst von den Selbsterhaltungstrieben aus der
Außenwelt gebracht, und es ist nicht abzuweisen, daß auch der ursprüngliche Sinn des Hassens
die Relation gegen die fremde und reizzuführende Außenwelt bedeutet. Die Indifferenz ordnet
sich dem Haß, der Abneigung, als Spezialfall ein, nachdem sie zuerst als dessen Vorläufer
aufgetreten ist. Das Äußere, das Objekt, das Gehaßte wären zu allem Anfang identisch. Erweist
sich späterhin das Objekt als Lustquelle, so wird es geliebt, aber auch dem Ich einverleibt, so daß
für das purifizierte Lust-Ich das Objekt doch wiederum mit dem Fremden und Gehaßten
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin