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Gleichgewicht gehalten werden muß. Die Erhaltung einer Verdrängung setzt also eine beständige
Kraftausgabe voraus, und ihre Aufhebung bedeutet ökonomisch eine Ersparung. Die Mobilität
der Verdrängung findet übrigens auch einen Ausdruck in den psychischen Charakteren des
Schlafzustandes, welcher allein die Traumbildung ermöglicht. Mit dem Erwachen werden die
eingezogenen Verdrängungsbesetzungen wieder ausgeschickt.
Wir dürfen endlich nicht vergessen, daß wir von einer Triebregung erst sehr wenig ausgesagt
haben, wenn wir feststellen, sie sei eine verdrängte. Sie kann sich unbeschadet der Verdrängung
in sehr verschiedenen Zuständen befinden, inaktiv sein, d. h. sehr wenig mit psychischer Energie
besetzt, oder in wechselndem Grade besetzt und damit zur Aktivität befähigt. Ihre Aktivierung
wird zwar nicht die Folge haben, daß sie die Verdrängung direkt aufhebt, wohl aber alle die
Vorgänge anregen, welche mit dem Durchdringen zum Bewußtsein auf Umwegen einen
Abschluß finden. Bei unverdrängten Abkömmlingen des Unbewußten entscheidet oft das
Ausmaß der Aktivierung oder Besetzung über das Schicksal der einzelnen Vorstellung. Es ist ein
alltägliches Vorkommnis, daß ein solcher Abkömmling unverdrängt bleibt, solange er eine
geringe Energie repräsentiert, obwohl sein Inhalt geeignet wäre, einen Konflikt mit dem bewußt
Herrschenden zu ergeben. Das quantitative Moment zeigt sich aber als entscheidend für den
Konflikt; sobald die im Grunde anstößige Vorstellung sich über ein gewisses Maß verstärkt, wird
der Konflikt aktuell, und gerade die Aktivierung zieht die Verdrängung nach sich. Zunahme der
Energiebesetzung wirkt also in Sachen der Verdrängung gleichsinnig wie Annäherung an das
Unbewußte, Abnahme derselben wie Entfernung davon oder Entstellung. Wir verstehen, daß die
verdrängenden Tendenzen in der Abschwächung des Unliebsamen einen Ersatz für dessen
Verdrängung finden können.
In den bisherigen Erörterungen behandelten wir die Verdrängung einer Triebrepräsentanz und
verstanden unter einer solchen eine Vorstellung oder Vorstellungsgruppe, welche vom Trieb her
mit einem bestimmten Betrag von psychischer Energie (Libido, Interesse) besetzt ist. Die
klinische Beobachtung nötigt uns nun zu zerlegen, was wir bisher einheitlich aufgefaßt hatten,
denn sie zeigt uns, daß etwas anderes, was den Trieb repräsentiert, neben der Vorstellung in
Betracht kommt und daß dieses andere ein Verdrängungsschicksal erfährt, welches von dem der
Vorstellung ganz verschieden sein kann. Für dieses andere Element der psychischen
Repräsentanz hat sich der Name Affektbetrag eingebürgert; es entspricht dem Triebe, insofern er
sich von der Vorstellung abgelöst hat und einen seiner Quantität gemäßen Ausdruck in
Vorgängen findet, welche als Affekte der Empfindung bemerkbar werden. Wir werden von nun
an, wenn wir einen Fall von Verdrängung beschreiben, gesondert verfolgen müssen, was durch
die Verdrängung aus der Vorstellung und was aus der an ihr haftenden Triebenergie geworden
ist.
Gern würden wir über beiderlei Schicksale etwas Allgemeines aussagen wollen. Dies wird uns
auch nach einiger Orientierung möglich. Das allgemeine Schicksal der den Trieb
repräsentierenden Vorstellung kann nicht leicht etwas anderes sein, als daß sie aus dem Bewußten
verschwindet, wenn sie früher bewußt war, oder vom Bewußtsein abgehalten wird, wenn sie im
Begriffe war, bewußt zu werden. Der Unterschied ist nicht mehr bedeutsam; er kommt etwa
darauf hinaus, ob ich einen unliebsamen Gast aus meinem Salon hinausbefördere oder aus
meinem Vorzimmer oder ihn, nachdem ich ihn erkannt habe, überhaupt nicht über die Schwelle
der Wohnungstür treten lasse[19]. Das Schicksal des quantitativen Faktors der Triebrepräsentanz
kann ein dreifaches sein, wie uns eine flüchtige Übersicht über die in der Psychoanalyse
gemachten Erfahrungen lehrt: Der Trieb wird entweder ganz unterdrückt, so daß man nichts von
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin