Seite - 785 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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anderer als später. Zunächst hat diese vollen Erfolg, der Vorstellungsinhalt wird abgewiesen und
der Affekt zum Verschwinden gebracht. Als Ersatzbildung findet sich eine Ichveränderung, die
Steigerung der Gewissenhaftigkeit, die man nicht gut ein Symptom heißen kann. Ersatz- und
Symptombildung fallen hier auseinander. Hier erfährt man auch etwas über den Mechanismus der
Verdrängung. Diese hat wie überall eine Libidoentziehung zustande gebracht, aber sich zu
diesem Zwecke der Reaktionsbildung durch Verstärkung eines Gegensatzes bedient. Die
Ersatzbildung hat also hier denselben Mechanismus wie die Verdrängung und fällt im Grunde mit
ihr zusammen, sie trennt sich aber zeitlich, wie begrifflich, von der Symptombildung. Es ist sehr
wahrscheinlich, daß das Ambivalenzverhältnis, in welches der zu verdrängende sadistische
Impuls eingetragen ist, den ganzen Vorgang ermöglicht.
Die anfänglich gute Verdrängung hält aber nicht stand, im weiteren Verlaufe drängt sich das
Mißglücken der Verdrängung immer mehr vor. Die Ambivalenz, welche die Verdrängung durch
Reaktionsbildung gestattet hat, ist auch die Stelle, an welcher dem Verdrängten die Wiederkehr
gelingt. Der verschwundene Affekt kommt in der Verwandlung zur sozialen Angst,
Gewissensangst, Vorwurf ohne Ersparnis wieder, die abgewiesene Vorstellung ersetzt sich durch
Verschiebungsersatz, oft durch Verschiebung auf Kleinstes, Indifferentes, Eine Tendenz zur
intakten Herstellung der verdrängten Vorstellung ist meist unverkennbar. Das Mißglücken in der
Verdrängung des quantitativen, affektiven Faktors bringt denselben Mechanismus der Flucht
durch Vermeidungen und Verbote ins Spiel, den wir bei der Bildung der hysterischen Phobie
kennengelernt haben. Die Abweisung der Vorstellung vom Bewußten wird aber hartnäckig
festgehalten, weil mit ihr die Abhaltung von der Aktion, die motorische Fesselung des Impulses,
gegeben ist. So läuft die Verdrängungsarbeit der Zwangsneurose in ein erfolgloses und
unabschließbares Ringen aus.
Aus der kleinen, hier vorgebrachten Vergleichsreihe kann man sich die Überzeugung holen, daß
es noch umfassender Untersuchungen bedarf, ehe man hoffen kann, die mit der Verdrängung und
neurotischen Symptombildung zusammenhängenden Vorgänge zu durchschauen. Die
außerordentliche Verschlungenheit aller in Betracht kommenden Momente läßt uns nur einen
Weg zur Darstellung frei. Wir müssen bald den einen, bald den anderen Gesichtspunkt
herausgreifen und ihn durch das Material hindurchverfolgen, solange seine Anwendung etwas zu
leisten scheint. Jede einzelne dieser Bearbeitungen wird an sich unvollständig sein und dort
Unklarheiten nicht vermeiden können, wo sie an das noch nicht Bearbeitete anrührt; wir dürfen
aber hoffen, daß sich aus der endlichen Zusammensetzung ein gutes Verständnis ergeben wird.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin