Seite - 788 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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I. Die Rechtfertigung des Unbewußten
Die Berechtigung, ein unbewußtes Seelisches anzunehmen und mit dieser Annahme
wissenschaftlich zu arbeiten, wird uns von vielen Seiten bestritten. Wir können dagegen
anführen, daß die Annahme des Unbewußten notwendig und legitim ist und daß wir für die
Existenz des Unbewußten mehrfache Beweise besitzen. Sie ist notwendig, weil die Daten des
Bewußtseins in hohem Grade lückenhaft sind; sowohl bei Gesunden als bei Kranken kommen
häufig psychische Akte vor, welche zu ihrer Erklärung andere Akte voraussetzen, für die aber das
Bewußtsein nicht zeugt. Solche Akte sind nicht nur die Fehlhandlungen und die Träume bei
Gesunden, alles, was man psychische Symptome und Zwangserscheinungen heißt, bei Kranken –
unsere persönlichste tägliche Erfahrung macht uns mit Einfällen bekannt, deren Herkunft wir
nicht kennen, und mit Denkresultaten, deren Ausarbeitung uns verborgen geblieben ist. Alle diese
bewußten Akte blieben zusammenhanglos und unverständlich, wenn wir den Anspruch festhalten
wollen, daß wir auch alles durchs Bewußtsein erfahren müssen, was an seelischen Akten in uns
vorgeht, und ordnen sich in einen aufzeigbaren Zusammenhang ein, wenn wir die erschlossenen
unbewußten Akte interpolieren. Gewinn an Sinn und Zusammenhang ist aber ein vollberechtigtes
Motiv, das uns über die unmittelbare Erfahrung hinaus führen darf. Zeigt es sich dann noch, daß
wir auf die Annahme des Unbewußten ein erfolgreiches Handeln aufbauen können, durch
welches wir den Ablauf der bewußten Vorgänge zweckdienlich beeinflussen, so haben wir in
diesem Erfolg einen unanfechtbaren Beweis für die Existenz des Angenommenen gewonnen.
Man muß sich dann auf den Standpunkt stellen, es sei nichts anderes als eine unhaltbare
Anmaßung, zu fordern, daß alles, was im Seelischen vorgeht, auch dem Bewußtsein bekannt
werden müsse.
Man kann weitergehen und zur Unterstützung eines unbewußten psychischen Zustandes
anführen, daß das Bewußtsein in jedem Moment nur einen geringen Inhalt umfaßt, so daß der
größte Teil dessen, was wir bewußte Kenntnis heißen, sich ohnedies über die längsten Zeiten im
Zustande der Latenz, also in einem Zustande von psychischer Unbewußtheit, befinden muß. Der
Widerspruch gegen das Unbewußte würde mit Rücksicht auf alle unsere latenten Erinnerungen
völlig unbegreiflich werden. Wir stoßen dann auf den Einwand, daß diese latenten Erinnerungen
nicht mehr als psychisch zu bezeichnen seien, sondern den Resten von somatischen Vorgängen
entsprechen, aus denen das Psychische wieder hervorgehen kann. Es liegt nahe zu erwidern, die
latente Erinnerung sei im Gegenteil ein unzweifelhafter Rückstand eines psychischen Vorganges.
Wichtiger ist es aber sich klarzumachen, daß der Einwand auf der nicht ausgesprochenen, aber
von vornherein fixierten Gleichstellung des Bewußten mit dem Seelischen ruht. Diese
Gleichstellung ist entweder eine petitio principii, welche die Frage, ob alles Psychische auch
bewußt sein müsse, nicht zuläßt, oder eine Sache der Konvention, der Nomenklatur. In letzterem
Charakter ist sie natürlich wie jede Konvention unwiderlegbar. Es bleibt nur die Frage offen, ob
sie sich als so zweckmäßig erweist, daß man sich ihr anschließen muß. Man darf antworten, die
konventionelle Gleichstellung des Psychischen mit dem Bewußten ist durchaus unzweckmäßig.
Sie zerreißt die psychischen Kontinuitäten, stürzt uns in die unlösbaren Schwierigkeiten des
psycho-physischen Parallelismus, unterliegt dem Vorwurf, daß sie ohne einsichtliche
Begründung die Rolle des Bewußtseins überschätzt, und nötigt uns, das Gebiet der
psychologischen Forschung vorzeitig zu verlassen, ohne uns von anderen Gebieten her
Entschädigung bringen zu können.
Immerhin ist es klar, daß die Frage, ob man die unabweisbaren latenten Zustände des
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin