Seite - 791 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
Bild der Seite - 791 -
Text der Seite - 791 -
II. Die Vieldeutigkeit des Unbewußten und der topische Gesichtspunkt
Ehe wir weitergehen, wollen wir die wichtige, aber auch beschwerliche Tatsache feststellen, daß
die Unbewußtheit nur ein Merkmal des Psychischen ist, welches für dessen Charakteristik
keineswegs ausreicht. Es gibt psychische Akte von sehr verschiedener Dignität, die doch in dem
Charakter, unbewußt zu sein, übereinstimmen. Das Unbewußte umfaßt einerseits Akte, die bloß
latent, zeitweilig unbewußt sind, sich aber sonst von den bewußten in nichts unterscheiden, und
anderseits Vorgänge wie die verdrängten, die, wenn sie bewußt würden, sich von den übrigen
bewußten aufs grellste abheben müßten. Es würde allen Mißverständnissen ein Ende machen,
wenn wir von nun an bei der Beschreibung der verschiedenartigen psychischen Akte ganz davon
absehen würden, ob sie bewußt oder unbewußt sind, und sie bloß nach ihrer Beziehung zu den
Trieben und Zielen, nach ihrer Zusammensetzung und Angehörigkeit zu den einander
übergeordneten psychischen Systemen klassifizieren und in Zusammenhang bringen würden.
Dies ist aber aus verschiedenen Gründen undurchführbar, und somit können wir der
Zweideutigkeit nicht entgehen, daß wir die Worte bewußt und unbewußt bald im deskriptiven
Sinne gebrauchen, bald im systematischen, wo sie dann Zugehörigkeit zu bestimmten Systemen
und Begabung mit gewissen Eigenschaften bedeuten. Man könnte noch den Versuch machen, die
Verwirrung dadurch zu vermeiden, daß man die erkannten psychischen Systeme mit willkürlich
gewählten Namen bezeichnet, in denen die Bewußtheit nicht gestreift wird. Allein man müßte
vorher Rechenschaft ablegen, worauf man die Unterscheidung der Systeme gründet, und könnte
dabei die Bewußtheit nicht umgehen, da sie den Ausgangspunkt aller unserer Untersuchungen
bildet. Wir können vielleicht einige Abhilfe von dem Vorschlag erwarten, wenigstens in der
Schrift Bewußtsein durch die Darstellung Bw und Unbewußtes durch die entsprechende
Abkürzung Ubw zu ersetzen, wenn wir die beiden Worte im systematischen Sinne gebrauchen.
In positiver Darstellung sagen wir nun als Ergebnis der Psychoanalyse aus, daß ein psychischer
Akt im allgemeinen zwei Zustandsphasen durchläuft, zwischen welche eine Art Prüfung (Zensur)
eingeschaltet ist. In der ersten Phase ist er unbewußt und gehört dem System Ubw an; wird er bei
der Prüfung von der Zensur abgewiesen, so ist ihm der Übergang in die zweite Phase versagt; er
heißt dann »verdrängt« und muß unbewußt bleiben. Besteht er aber diese Prüfung, so tritt er in
die zweite Phase ein und wird dem zweiten System zugehörig, welches wir das System Bw
nennen wollen. Sein Verhältnis zum Bewußtsein ist aber durch diese Zugehörigkeit noch nicht
eindeutig bestimmt. Er ist noch nicht bewußt, wohl aber bewußtseinsfähig (nach dem Ausdruck
von J. Breuer), d. h., er kann nun ohne besonderen Widerstand beim Zutreffen gewisser
Bedingungen Objekt des Bewußtseins werden. Mit Rücksicht auf diese Bewußtseinsfähigkeit
heißen wir das System Bw auch das » Vorbewußte«. Sollte es sich herausstellen, daß auch das
Bewußtwerden des Vorbewußten durch eine gewisse Zensur mitbestimmt wird, so werden wir
die Systeme Vbw und Bw strenger voneinander sondern. Vorläufig genüge es festzuhalten, daß
das System Vbw die Eigenschaften des Systems Bw teilt und daß die strenge Zensur am Übergang
vom Ubw zum Vbw (oder Bw) ihres Amtes waltet.
Mit der Aufnahme dieser (zwei oder drei) psychischen Systeme hat sich die Psychoanalyse einen
Schritt weiter von der deskriptiven Bewußtseinspsychologie entfernt, sich eine neue
Fragestellung und einen neuen Inhalt beigelegt. Sie unterschied sich von der Psychologie bisher
hauptsächlich durch die dynamische Auffassung der seelischen Vorgänge; nun kommt hinzu, daß
sie auch die psychische Topik berücksichtigen und von einem beliebigen seelischen Akt angeben
will, innerhalb welchen Systems oder zwischen welchen Systemen er sich abspielt. Wegen dieses
791
Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin