Seite - 792 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Bestrebens hat sie auch den Namen einer Tiefenpsychologie erhalten. Wir werden hören, daß sie
auch noch um einen anderen Gesichtspunkt bereichert werden kann.
Wollen wir mit einer Topik der seelischen Akte Ernst machen, so müssen wir unser Interesse
einer an dieser Stelle auftauchenden Zweifelsfrage zuwenden. Wenn ein psychischer Akt
(beschränken wir uns hier auf einen solchen von der Natur einer Vorstellung) die Umsetzung aus
dem System Ubw in das System Bw (oder Vbw) erfährt, sollen wir annehmen, daß mit dieser
Umsetzung eine neuerliche Fixierung, gleichsam eine zweite Niederschrift der betreffenden
Vorstellung verbunden ist, die also auch in einer neuen psychischen Lokalität enthalten sein kann
und neben welcher die ursprüngliche, unbewußte Niederschrift fortbesteht? Oder sollen wir eher
glauben, daß die Umsetzung in einer Zustandsänderung besteht, welche sich an dem nämlichen
Material und an derselben Lokalität vollzieht? Diese Frage kann abstrus erscheinen, muß aber
aufgeworfen werden, wenn wir uns von der psychischen Topik, der psychischen
Tiefendimension, eine bestimmtere Idee bilden wollen. Sie ist schwierig, weil sie über das rein
Psychologische hinausgeht und die Beziehungen des seelischen Apparates zur Anatomie streift.
Wir wissen, daß solche Beziehungen im gröbsten existieren. Es ist ein unerschütterliches Resultat
der Forschung, daß die seelische Tätigkeit an die Funktion des Gehirns gebunden ist wie an kein
anderes Organ. Ein Stück weiter – es ist nicht bekannt, wie weit – führt die Entdeckung von der
Ungleichwertigkeit der Gehirnteile und deren Sonderbeziehung zu bestimmten Körperteilen und
geistigen Tätigkeiten. Aber alle Versuche, von da aus eine Lokalisation der seelischen Vorgänge
zu erraten, alle Bemühungen, die Vorstellungen in Nervenzellen aufgespeichert zu denken und
die Erregungen auf Nervenfasern wandern zu lassen, sind gründlich gescheitert. Dasselbe
Schicksal würde einer Lehre bevorstehen, die etwa den anatomischen Ort des Systems Bw, der
bewußten Seelentätigkeit, in der Hirnrinde erkennen und die unbewußten Vorgänge in die
subkortikalen Hirnpartien versetzen wollte. Es klafft hier eine Lücke, deren Ausfüllung derzeit
nicht möglich ist, auch nicht zu den Aufgaben der Psychologie gehört. Unsere psychische Topik
hat vorläufig nichts mit der Anatomie zu tun; sie bezieht sich auf Regionen des seelischen
Apparats, wo immer sie im Körper gelegen sein mögen, und nicht auf anatomische Örtlichkeiten.
Unsere Arbeit ist also in dieser Hinsicht frei und darf nach ihren eigenen Bedürfnissen vorgehen.
Es wird auch förderlich sein, wenn wir uns daran mahnen, daß unsere Annahmen zunächst nur
den Wert von Veranschaulichungen beanspruchen. Die erstere der beiden in Betracht gezogenen
Möglichkeiten, nämlich daß die bw Phase der Vorstellung eine neue, an anderem Orte befindliche
Niederschrift derselben bedeute, ist unzweifelhaft die gröbere, aber auch die bequemere. Die
zweite Annahme, die einer bloß funktionellen Zustandsänderung, ist die von vornherein
wahrscheinlichere, aber sie ist minder plastisch, weniger leicht zu handhaben. Mit der ersten, der
topischen Annahme ist die einer topischen Trennung der Systeme Ubw und Bw und die
Möglichkeit verknüpft, daß eine Vorstellung gleichzeitig an zwei Stellen des psychischen
Apparats vorhanden sei, ja, daß sie, wenn durch die Zensur ungehemmt, regelmäßig von dem
einen Ort an den anderen vorrücke, eventuell ohne ihre erste Niederlassung oder Niederschrift zu
verlieren. Das mag befremdlich aussehen, kann sich aber an Eindrücke aus der
psychoanalytischen Praxis anlehnen.
Wenn man einem Patienten eine seinerzeit von ihm verdrängte Vorstellung, die man erraten hat,
mitteilt, so ändert dies zunächst an seinem psychischen Zustand nichts. Es hebt vor allem nicht
die Verdrängung auf, macht deren Folgen nicht rückgängig, wie man vielleicht erwarten konnte,
weil die früher unbewußte Vorstellung nun bewußt geworden ist. Man wird im Gegenteil
zunächst nur eine neuerliche Ablehnung der verdrängten Vorstellung erzielen. Der Patient hat
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin