Seite - 795 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
Bild der Seite - 795 -
Text der Seite - 795 -
eine Ansatzmöglichkeit, die nicht zur Entfaltung kommen durfte, entspricht. Strenggenommen
und obwohl der Sprachgebrauch tadellos bleibt, gibt es also keine unbewußten Affekte, wie es
unbewußte Vorstellungen gibt. Es kann aber sehr wohl im System Ubw Affektbildungen geben,
die wie andere bewußt werden. Der ganze Unterschied rührt daher, daß Vorstellungen
Besetzungen – im Grunde von Erinnerungsspuren – sind, während die Affekte und Gefühle
Abfuhrvorgängen entsprechen, deren letzte Äußerungen als Empfindungen wahrgenommen
werden. Im gegenwärtigen Zustand unserer Kenntnis von den Affekten und Gefühlen können wir
diesen Unterschied nicht klarer ausdrücken.
Die Feststellung, daß es der Verdrängung gelingen kann, die Umsetzung der Triebregung in
Affektäußerung zu hemmen, ist für uns von besonderem Interesse. Sie zeigt uns, daß das System
Bw normalerweise die Affektivität wie den Zugang zur Motilität beherrscht, und hebt den Wert
der Verdrängung, indem sie als deren Folgen nicht nur die Abhaltung vom Bewußtsein, sondern
auch von der Affektentwicklung und von der Motivierung der Muskeltätigkeit aufzeigt. Wir
können auch in umgekehrter Darstellung sagen: Solange das System Bw Affektivität und
Motilität beherrscht, heißen wir den psychischen Zustand des Individuums normal. Indes ist ein
Unterschied in der Beziehung des herrschenden Systems zu den beiden einander nahestehenden
Abfuhraktionen unverkennbar[20]. Während die Herrschaft des Bw über die willkürliche Motilität
fest gegründet ist, dem Ansturm der Neurose regelmäßig widersteht und erst in der Psychose
zusammenbricht, ist die Beherrschung der Affektentwicklung durch Bw minder gefestigt. Noch
innerhalb des normalen Lebens läßt sich ein beständiges Ringen der beiden Systeme Bw und Ubw
um den Primat in der Affektivität erkennen, grenzen sich gewisse Einflußsphären voneinander ab
und stellen sich Vermengungen der wirksamen Kräfte her.
Die Bedeutung des Systems Bw (Vbw) für die Zugänge zur Affektentbindung und Aktion macht
uns auch die Rolle verständlich, welche in der Krankheitsgestaltung der Ersatzvorstellung zufällt.
Es ist möglich, daß die Affektentwicklung direkt vom System Ubw ausgeht, in diesem Falle hat
sie immer den Charakter der Angst, gegen welche alle »verdrängten« Affekte eingetauscht
werden. Häufig aber muß die Triebregung warten, bis sie eine Ersatzvorstellung im System Bw
gefunden hat. Dann ist die Affektentwicklung von diesem bewußten Ersatz her ermöglicht und
der qualitative Charakter des Affekts durch dessen Natur bestimmt. Wir haben behauptet, daß bei
der Verdrängung eine Trennung des Affekts von seiner Vorstellung stattfindet, worauf beide
ihren gesonderten Schicksalen entgegengehen. Das ist deskriptiv unbestreitbar; der wirkliche
Vorgang aber ist in der Regel, daß ein Affekt so lange nicht zustande kommt, bis nicht der
Durchbruch zu einer neuen Vertretung im System Bw gelungen ist.
[◀]
795
Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin