Seite - 798 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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isolieren und neue Erregungen von ihr abhalten soll. Diese Vorsichten schützen natürlich nur
gegen Erregungen, die von außen, durch die Wahrnehmung an die Ersatzvorstellung herantreten,
aber niemals gegen die Triebregung, die von der Verbindung mit der verdrängten Vorstellung her
die Ersatzvorstellung trifft. Sie beginnen also erst zu wirken, wenn der Ersatz die Vertretung des
Verdrängten gut übernommen hat, und können niemals ganz verläßlich wirken. Bei jedem
Ansteigen der Trieberregung muß der schützende Wall um die Ersatzvorstellung um ein Stück
weiter hinausverlegt werden. Die ganze Konstruktion, die in analoger Weise bei den anderen
Neurosen hergestellt wird, trägt den Namen einer Phobie. Der Ausdruck der Flucht vor bewußter
Besetzung der Ersatzvorstellung sind die Vermeidungen, Verzichte und Verbote, an denen man
die Angsthysterie erkennt. Überschaut man den ganzen Vorgang, so kann man sagen, die dritte
Phase hat die Arbeit der zweiten in größerem Ausmaß wiederholt. Das System Bw schützt sich
jetzt gegen die Aktivierung der Ersatzvorstellung durch die Gegenbesetzung der Umgebung, wie
es sich vorhin durch die Besetzung der Ersatzvorstellung gegen das Auftauchen der verdrängten
Vorstellung gesichert hatte. Die Ersatzbildung durch Verschiebung hat sich in solcher Weise
fortgesetzt. Man muß auch hinzufügen, daß das System Bw früher nur eine kleine Stelle besaß,
die eine Einbruchspforte der verdrängten Triebregung war, die Ersatzvorstellung nämlich, daß
aber am Ende der ganze phobische Vorbau einer solchen Enklave des unbewußten Einflusses
entspricht. Man kann ferner den interessanten Gesichtspunkt hervorheben, daß durch den ganzen
ins Werk gesetzten Abwehrmechanismus eine Projektion der Triebgefahr nach außen erreicht
worden ist. Das Ich benimmt sich so, als ob ihm die Gefahr der Angstentwicklung nicht von einer
Triebregung, sondern von einer Wahrnehmung her drohte, und darf darum gegen diese äußere
Gefahr mit den Fluchtversuchen der phobischen Vermeidungen reagieren. Eines gelingt bei
diesem Vorgang der Verdrängung: die Entbindung von Angst läßt sich einigermaßen eindämmen,
aber nur unter schweren Opfern an persönlicher Freiheit. Fluchtversuche vor Triebansprüchen
sind aber im allgemeinen nutzlos, und das Ergebnis der phobischen Flucht bleibt doch
unbefriedigend.
Von den Verhältnissen, die wir bei der Angsthysterie erkannt haben, gilt ein großer Anteil auch
für die beiden anderen Neurosen, so daß wir die Erörterung auf die Unterschiede und die Rolle
der Gegenbesetzung beschränken können. Bei der Konversionshysterie wird die Triebbesetzung
der verdrängten Vorstellung in die Innervation des Symptoms umgesetzt. Inwieweit und unter
welchen Umständen die unbewußte Vorstellung durch diese Abfuhr zur Innervation drainiert ist,
so daß sie ihr Andrängen gegen das System Bw aufgeben kann, diese und ähnliche Fragen
bleiben besser einer speziellen Untersuchung der Hysterie vorbehalten. Die Rolle der
Gegenbesetzung, die vom System Bw (Vbw) ausgeht, ist bei der Konversionshysterie deutlich
und kommt in der Symptombildung zum Vorschein. Die Gegenbesetzung ist es, welche die
Auswahl trifft, auf welches Stück der Triebrepräsentanz die ganze Besetzung derselben
konzentriert werden darf. Dies zum Symptom erlesene Stück erfüllt die Bedingung, daß es dem
Wunschziel der Triebregung ebensosehr Ausdruck gibt wie dem Abwehr- oder Strafbestreben des
Systems Bw; es wird also überbesetzt und von beiden Seiten her gehalten wie die
Ersatzvorstellung der Angsthysterie. Wir können aus diesem Verhältnis ohne weiteres den Schluß
ziehen, daß der Verdrängungsaufwand des Systems Bw nicht so groß zu sein braucht wie die
Besetzungsenergie des Symptoms, denn die Stärke der Verdrängung wird durch die
aufgewendete Gegenbesetzung gemessen, und das Symptom stützt sich nicht nur auf die
Gegenbesetzung, sondern auch auf die in ihm verdichtete Triebbesetzung aus dem System Ubw.
Für die Zwangsneurose hätten wir den in der vorigen Abhandlung enthaltenen Bemerkungen nur
hinzuzufügen, daß hier die Gegenbesetzung des Systems Bw am sinnfälligsten in den
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin