Seite - 803 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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einer Zensur, ehe er bewußt werden kann. Ein anderer Anteil des Vbw ist ohne Zensur
bewußtseinsfähig. Wir gelangen hier zu einem Widerspruch gegen eine frühere Annahme. In der
Betrachtung der Verdrängung wurden wir genötigt, die für das Bewußtwerden entscheidende
Zensur zwischen die Systeme Ubw und Vbw zu verlegen. Jetzt wird uns eine Zensur zwischen
Vbw und Bw nahegelegt. Wir tun aber gut daran, in dieser Komplikation keine Schwierigkeit zu
erblicken, sondern anzunehmen, daß jedem Übergang von einem System zum nächst höheren,
also jedem Fortschritt zu einer höheren Stufe psychischer Organisation eine neue Zensur
entspreche. Die Annahme einer fortlaufenden Erneuerung der Niederschriften ist damit allerdings
abgetan.
Der Grund all dieser Schwierigkeiten ist darin zu suchen, daß die Bewußtheit, der einzige uns
unmittelbar gegebene Charakter der psychischen Vorgänge, sich zur Systemunterscheidung in
keiner Weise eignet. Abgesehen davon, daß das Bewußte nicht immer bewußt, sondern zeitweilig
auch latent ist, hat uns die Beobachtung gezeigt, daß vieles, was die Eigenschaften des Systems
Vbw teilt, nicht bewußt wird, und haben wir noch zu erfahren, daß das Bewußtwerden durch
gewisse Richtungen seiner Aufmerksamkeit eingeschränkt ist. Das Bewußtsein hat so weder zu
den Systemen noch zur Verdrängung ein einfaches Verhältnis. Die Wahrheit ist, daß nicht nur
das psychisch Verdrängte dem Bewußtsein fremd bleibt, sondern auch ein Teil der unser Ich
beherrschenden Regungen, also der stärkste funktionelle Gegensatz des Verdrängten. In dem
Maße, als wir uns zu einer metapsychologischen Betrachtung des Seelenlebens durchringen
wollen, müssen wir lernen, uns von der Bedeutung des Symptoms »Bewußtheit« zu
emanzipieren.
Solange wir noch an diesem haften, sehen wir unsere Allgemeinheiten regelmäßig durch
Ausnahmen durchbrochen. Wir sehen, daß Abkömmlinge des Ubw als Ersatzbildungen und als
Symptome bewußt werden, in der Regel nach großen Entstellungen gegen das Unbewußte, aber
oft mit Erhaltung vieler zur Verdrängung auffordernden Charaktere. Wir finden, daß viele
vorbewußte Bildungen unbewußt bleiben, die, sollten wir meinen, ihrer Natur nach sehr wohl
bewußt werden dürften. Wahrscheinlich macht sich bei ihnen die stärkere Anziehung des Ubw
geltend. Wir werden darauf hingewiesen, die bedeutsamere Differenz nicht zwischen dem
Bewußten und dem Vorbewußten, sondern zwischen dem Vorbewußten und dem Unbewußten zu
suchen. Das Ubw wird an der Grenze des Vbw durch die Zensur zurückgewiesen, Abkömmlinge
desselben können diese Zensur umgehen, sich hoch organisieren, im Vbw bis zu einer gewissen
Intensität der Besetzung heranwachsen, werden aber dann, wenn sie diese überschritten haben
und sich dem Bewußtsein aufdrängen wollen, als Abkömmlinge des Ubw erkannt und an der
neuen Zensurgrenze zwischen Vbw und Bw neuerlich verdrängt. Die erstere Zensur funktioniert
so gegen das Ubw selbst, die letztere gegen die vbw Abkömmlinge desselben. Man könnte
meinen, die Zensur habe sich im Laufe der individuellen Entwicklung um ein Stück
vorgeschoben.
In der psychoanalytischen Kur erbringen wir den unanfechtbaren Beweis für die Existenz der
zweiten Zensur, der zwischen den Systemen Vbw und Bw. Wir fordern den Kranken auf, reichlich
Abkömmlinge des Ubw zu bilden, verpflichten ihn dazu, die Einwendungen der Zensur gegen das
Bewußtwerden dieser vorbewußten Bildungen zu überwinden, und bahnen uns durch die
Besiegung dieser Zensur den Weg zur Aufhebung der Verdrängung, die das Werk der früheren
Zensur ist. Fügen wir noch die Bemerkung an, daß die Existenz der Zensur zwischen Vbw und
Bw uns mahnt, das Bewußtwerden sei kein bloßer Wahrnehmungsakt, sondern wahrscheinlich
auch eine Überbesetzung, ein weiterer Fortschritt der psychischen Organisation.
803
Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin