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VII. Die Agnoszierung des Unbewußten
Soviel, als wir in den vorstehenden Erörterungen zusammengetragen haben, läßt sich etwa über
das Ubw aussagen, solange man nur aus der Kenntnis des Traumlebens und der
Übertragungsneurosen schöpft. Es ist gewiß nicht viel, macht stellenweise den Eindruck des
Ungeklärten und Verwirrenden und läßt vor allem die Möglichkeit vermissen, das Ubw an einen
bereits bekannten Zusammenhang anzuordnen oder es in ihn einzureihen. Erst die Analyse einer
der Affektionen, die wir narzißtische Psychoneurosen heißen, verspricht uns Auffassungen zu
liefern, durch welche uns das rätselvolle Ubw nähergerückt und gleichsam greifbar gemacht wird.
Seit einer Arbeit von Abraham (1908), welche der gewissenhafte Autor auf meine Anregung
zurückgeführt hat, versuchen wir die Dementia praecox Kraepelins (Schizophrenie Bleulers)
durch ihr Verhalten zum Gegensatz von Ich und Objekt zu charakterisieren. Bei den
Übertragungsneurosen (Angst- und Konversionshysterie, Zwangsneurose) lag nichts vor, was
diesen Gegensatz in den Vordergrund gerückt hätte. Man wußte zwar, daß die Versagung des
Objekts den Ausbruch der Neurose herbeiführt und daß die Neurose den Verzicht auf das reale
Objekt involviert, auch daß die dem realen Objekt entzogene Libido auf ein phantasiertes Objekt
und von da aus auf ein verdrängtes zurückgeht (Introversion). Aber die Objektbesetzung
überhaupt wird bei ihnen mit großer Energie festgehalten, und die feinere Untersuchung des
Verdrängungsvorganges hat uns anzunehmen genötigt, daß die Objektbesetzung im System Ubw
trotz der Verdrängung – vielmehr infolge derselben – fortbesteht. Die Fähigkeit zur Übertragung,
welche wir bei diesen Affektionen therapeutisch ausnützen, setzt ja die ungestörte
Objektbesetzung voraus.
Bei der Schizophrenie hat sich uns dagegen die Annahme aufgedrängt, daß nach dem Prozesse
der Verdrängung die abgezogene Libido kein neues Objekt suche, sondern ins Ich zurücktrete,
daß also hier die Objektbesetzungen aufgegeben und ein primitiver objektloser Zustand von
Narzißmus wiederhergestellt werde. Die Unfähigkeit dieser Patienten zur Übertragung – soweit
der Krankheitsprozeß reicht –, ihre daraus folgende therapeutische Unzugänglichkeit, die ihnen
eigentümliche Ablehnung der Außenwelt, das Auftreten von Zeichen einer Überbesetzung des
eigenen Ichs, der Ausgang in völlige Apathie, all diese klinischen Charaktere scheinen zu der
Annahme eines Aufgebens der Objektbesetzungen trefflich zu stimmen. Von seiten des
Verhältnisses der beiden psychischen Systeme wurde allen Beobachtern auffällig, daß bei der
Schizophrenie vieles als bewußt geäußert wird, was wir bei den Übertragungsneurosen erst durch
Psychoanalyse im Ubw nachweisen müssen. Aber es gelang zunächst nicht, zwischen der
Ich-Objektbeziehung und den Bewußtseinsrelationen eine verständliche Verknüpfung
herzustellen.
Das Gesuchte scheint sich auf folgendem unvermuteten Wege zu ergeben. Bei den
Schizophrenen beobachtet man, zumal in den so lehrreichen Anfangsstadien, eine Anzahl von
Veränderungen der Sprache, von denen einige es verdienen, unter einem bestimmten
Gesichtspunkt betrachtet zu werden. Die Ausdrucksweise wird oft Gegenstand einer besonderen
Sorgfalt, sie wird »gewählt«, »geziert«. Die Sätze erfahren eine besondere Desorganisation des
Aufbaues, durch welche sie uns unverständlich werden, so daß wir die Äußerungen der Kranken
für unsinnig halten. Im Inhalt dieser Äußerungen wird oft eine Beziehung zu Körperorganen oder
Körperinnervationen in den Vordergrund gerückt. Dem kann man anreihen, daß in solchen
Symptomen der Schizophrenie, welche hysterischen oder zwangsneurotischen Ersatzbildungen
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin