Seite - 807 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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mehrfache Beziehungen dazu geeignetes Wort die Vertretung einer ganzen Gedankenkette
übernimmt. Die Arbeiten von Bleuler, Jung und ihren Schülern haben gerade für diese
Behauptung reichliches Material ergeben[23].
Ehe wir aus solchen Eindrücken einen Schluß ziehen, wollen wir noch der feinen, aber doch
befremdlich wirkenden Unterschiede zwischen der schizophrenen und der hysterischen und
zwangsneurotischen Ersatzbildung gedenken. Ein Patient, den ich gegenwärtig beobachte, läßt
sich durch den schlechten Zustand seiner Gesichtshaut von allen Interessen des Lebens abziehen.
Er behauptet, Mitesser zu haben und tiefe Löcher im Gesicht, die ihm jedermann ansieht. Die
Analyse weist nach, daß er seinen Kastrationskomplex an seiner Haut abspielt. Er beschäftigte
sich zunächst reuelos mit seinen Mitessern, deren Ausdrücken ihm große Befriedigung bereitete,
weil dabei etwas herausspritzte, wie er sagt. Dann begann er zu glauben, daß überall dort, wo er
einen Comedo beseitigt hatte, eine tiefe Grube entstanden sei, und er machte sich die heftigsten
Vorwürfe, durch sein »beständiges Herumarbeiten mit der Hand« seine Haut für alle Zeiten
verdorben zu haben. Es ist evident, daß ihm das Auspressen des Inhaltes der Mitesser ein Ersatz
für die Onanie ist. Die Grube, die darauf durch seine Schuld entsteht, ist das weibliche Genitale,
d. h. die Erfüllung der durch die Onanie provozierten Kastrationsdrohung (resp. der sie
vertretenden Phantasie). Diese Ersatzbildung hat trotz ihres hypochondrischen Charakters viel
Ähnlichkeit mit einer hysterischen Konversion, und doch wird man das Gefühl haben, daß hier
etwas anderes vorgehen müsse, daß man solche Ersatzbildung einer Hysterie nicht zutrauen
dürfe, noch ehe man sagen kann, worin die Verschiedenheit begründet ist. Ein winziges
Grübchen wie eine Hautpore wird ein Hysteriker kaum zum Symbol der Vagina nehmen, die er
sonst mit allen möglichen Gegenständen vergleicht, welche einen Hohlraum umschließen. Auch
meinen wir, daß die Vielheit der Grübchen ihn abhalten wird, sie als Ersatz für das weibliche
Genitale zu verwenden. Ähnliches gilt für einen jugendlichen Patienten, über den Tausk vor
Jahren der Wiener Psychoanalytischen Gesellschaft berichtet hat. Er benahm sich sonst ganz wie
ein Zwangsneurotiker, verbrauchte Stunden für seine Toilette u. dgl. Es war aber an ihm auffällig,
daß er widerstandslos die Bedeutung seiner Hemmungen mitteilen konnte. Beim Anziehen der
Strümpfe störte ihn z. B. die Idee, daß er die Maschen des Gewebes, also Löcher,
auseinanderziehen müsse, und jedes Loch war ihm Symbol der weiblichen Geschlechtsöffnung.
Auch dies ist einem Zwangsneurotiker nicht zuzutrauen; ein solcher, aus der Beobachtung von
R. Reitler, der am gleichen Verweilen beim Strumpfanziehen litt, fand nach Überwindung der
Widerstände die Erklärung, daß der Fuß ein Penissymbol sei, das Überziehen des Strumpfes ein
onanistischer Akt, und er mußte den Strumpf fortgesetzt an- und ausziehen, zum Teil, um das
Bild der Onanie zu vervollkommnen, zum Teil, um sie ungeschehen zu machen.
Fragen wir uns, was der schizophrenen Ersatzbildung und dem Symptom den befremdlichen
Charakter verleiht, so erfassen wir endlich, daß es das Überwiegen der Wortbeziehung über die
Sachbeziehung ist. Zwischen dem Ausdrücken eines Mitessers und einer Ejakulation aus dem
Penis besteht eine recht geringe Sachähnlichkeit, eine noch geringere zwischen den unzähligen
seichten Hautporen und der Vagina; aber im ersten Falle spritzt beide Male etwas heraus, und für
den zweiten gilt wörtlich der zynische Satz: »Loch ist Loch.« Die Gleichheit des sprachlichen
Ausdruckes, nicht die Ähnlichkeit der bezeichneten Dinge, hat den Ersatz vorgeschrieben. Wo
die beiden – Wort und Ding – sich nicht decken, weicht die schizophrene Ersatzbildung von der
bei den Übertragungsneurosen ab.
Setzen wir diese Einsicht mit der Annahme zusammen, daß bei der Schizophrenie die
Objektbesetzungen aufgegeben werden. Wir müssen dann modifizieren: die Besetzung der
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin