Seite - 808 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Wortvorstellungen der Objekte wird festgehalten. Was wir die bewußte Objektvorstellung heißen
durften, zerlegt sich uns jetzt in die Wortvorstellung und in die Sachvorstellung, die in der
Besetzung, wenn nicht der direkten Sacherinnerungsbilder, doch entfernterer und von ihnen
abgeleiteter Erinnerungsspuren besteht. Mit einem Male glauben wir nun zu wissen, wodurch
sich eine bewußte Vorstellung von einer unbewußten unterscheidet. Die beiden sind nicht, wie
wir gemeint haben, verschiedene Niederschriften desselben Inhaltes an verschiedenen
psychischen Orten, auch nicht verschiedene funktionelle Besetzungszustände an demselben Orte,
sondern die bewußte Vorstellung umfaßt die Sachvorstellung plus der zugehörigen
Wortvorstellung, die unbewußte ist die Sachvorstellung allein. Das System Ubw enthält die
Sachbesetzungen der Objekte, die ersten und eigentlichen Objektbesetzungen; das System Vbw
entsteht, indem diese Sachvorstellung durch die Verknüpfung mit den ihr entsprechenden
Wortvorstellungen überbesetzt wird. Solche Überbesetzungen, können wir vermuten, sind es,
welche eine höhere psychische Organisation herbeiführen und die Ablösung des Primärvorganges
durch den im Vbw herrschenden Sekundärvorgang ermöglichen. Wir können jetzt auch präzise
ausdrücken, was die Verdrängung bei den Übertragungsneurosen der zurückgewiesenen
Vorstellung verweigert: Die Übersetzung in Worte, welche mit dem Objekt verknüpft bleiben
sollen. Die nicht in Worte gefaßte Vorstellung oder der nicht überbesetzte psychische Akt bleibt
dann im Ubw als verdrängt zurück.
Ich darf darauf aufmerksam machen, wie frühzeitig wir bereits die Einsicht besessen haben, die
uns heute einen der auffälligsten Charaktere der Schizophrenie verständlich macht. Auf den
letzten Seiten der 1900 veröffentlichten Traumdeutung ist ausgeführt, daß die Denkvorgänge, d. i.
die von den Wahrnehmungen entfernteren Besetzungsakte, an sich qualitätslos und unbewußt
sind und ihre Fähigkeit, bewußt zu werden, nur durch die Verknüpfung mit den Resten der
Wortwahrnehmungen erlangen. Die Wortvorstellungen entstammen ihrerseits der
Sinneswahrnehmung in gleicher Weise wie die Sachvorstellungen, so daß man die Frage
aufwerfen könnte, warum die Objektvorstellungen nicht mittels ihrer eigenen
Wahrnehmungsreste bewußt werden können. Aber wahrscheinlich geht das Denken in Systemen
vor sich, die von den ursprünglichen Wahrnehmungsresten so weit entfernt sind, daß sie von
deren Qualitäten nichts mehr erhalten haben und zum Bewußtwerden einer Verstärkung durch
neue Qualitäten bedürfen. Außerdem können durch die Verknüpfung mit Worten auch solche
Besetzungen mit Qualität versehen werden, die aus den Wahrnehmungen selbst keine Qualität
mitbringen konnten, weil sie bloß Relationen zwischen den Objektvorstellungen entsprechen.
Solche erst durch Worte faßbar gewordene Relationen sind ein Hauptbestandteil unserer
Denkvorgänge. Wir verstehen, daß die Verknüpfung mit Wortvorstellungen noch nicht mit dem
Bewußtwerden zusammenfällt, sondern bloß die Möglichkeit dazu gibt, daß sie also kein anderes
System als das des Vbw charakterisiert. Nun merken wir aber, daß wir mit diesen Erörterungen
unser eigentliches Thema verlassen und mitten in die Probleme des Vorbewußten und Bewußten
geraten, die wir zweckmäßigerweise einer gesonderten Behandlung vorbehalten.
Bei der Schizophrenie, die wir ja hier auch nur so weit berühren, als uns zur allgemeinen
Erkennung des Ubw unerläßlich scheint, muß uns der Zweifel auftauchen, ob der hier
Verdrängung genannte Vorgang überhaupt noch etwas mit der Verdrängung bei den
Übertragungsneurosen gemein hat. Die Formel, die Verdrängung sei ein Vorgang zwischen dem
System Ubw und dem Vbw (oder Bw) mit dem Erfolg der Fernhaltung vom Bewußtsein, bedarf
jedenfalls einer Abänderung, um den Fall der Dementia praecox und anderer narzißtischer
Affektionen miteinschließen zu können. Aber der Fluchtversuch des Ichs, der sich in der
Abziehung der bewußten Besetzung äußert, bleibt immerhin als das Gemeinsame bestehen. Um
808
Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin