Seite - 817 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
Bild der Seite - 817 -
Text der Seite - 817 -
die Reaktion auf einen Verlust, den die Realität behauptet, der aber vom Ich als unerträglich
verleugnet werden soll. Darauf bricht das Ich die Beziehung zur Realität ab, es entzieht dem
System der Wahrnehmungen Bw die Besetzung oder vielleicht besser eine Besetzung, deren
besondere Natur noch Gegenstand einer Untersuchung werden kann. Mit dieser Abwendung von
der Realität ist die Realitätsprüfung beseitigt, die – unverdrängten, durchaus bewußten –
Wunschphantasien können ins System vordringen und werden von dort aus als bessere Realität
anerkannt. Eine solche Entziehung darf den Verdrängungsvorgängen beigeordnet werden; die
Amentia bietet uns das interessante Schauspiel einer Entzweiung des Ichs mit einem seiner
Organe, welches ihm vielleicht am getreuesten diente und am innigsten verbunden war[28].
Was bei der Amentia die »Verdrängung« leistet, das macht beim Traum der freiwillige Verzicht.
Der Schlafzustand will nichts von der Außenwelt wissen, interessiert sich nicht für die Realität
oder nur insoweit, als das Verlassen des Schlafzustandes, das Erwachen, in Betracht kommt. Er
zieht also auch die Besetzung vom System Bw ab, wie von den anderen Systemen, dem Vbw und
dem Ubw, soweit die in ihnen vorhandenen Positionen dem Schlafwunsch gehorchen. Mit dieser
Unbesetztheit des Systems Bw ist die Möglichkeit einer Realitätsprüfung aufgegeben, und die
Erregungen, welche vom Schlafzustand unabhängig den Weg der Regression eingeschlagen
haben, werden ihn frei finden bis zum System Bw, in welchem sie als unbestrittene Realität
gelten werden[29]. Für die halluzinatorische Psychose der Dementia praecox werden wir aus
unseren Erwägungen ableiten, daß sie nicht zu den Eingangssymptomen der Affektion gehören
kann. Sie wird erst ermöglicht, wenn das Ich des Kranken so weit zerfallen ist, daß die
Realitätsprüfung nicht mehr die Halluzination verhindert.
Zur Psychologie der Traumvorgänge erhalten wir das Resultat, daß alle wesentlichen Charaktere
des Traumes durch die Bedingung des Schlafzustandes determiniert werden. Der alte Aristoteles
behält mit seiner unscheinbaren Aussage, der Traum sei die seelische Tätigkeit des Schlafenden,
in allen Stücken recht. Wir konnten ausführen: ein Rest von seelischer Tätigkeit, dadurch
ermöglicht, daß sich der narzißtische Schlafzustand nicht ausnahmslos durchsetzen ließ. Das
lautet ja nicht viel anders, als was Psychologen und Philosophen von jeher gesagt haben, ruht
aber auf ganz abweichenden Ansichten über den Bau und die Leistung des seelischen Apparates,
die den Vorzug vor den früheren haben, daß sie auch alle Einzelheiten des Traumes unserem
Verständnis nahebringen konnten.
Werfen wir am Ende noch einen Blick auf die Bedeutung, welche eine Topik des
Verdrängungsvorganges für unsere Einsicht in den Mechanismus der seelischen Störungen
gewinnt. Beim Traum betrifft die Entziehung der Besetzung (Libido, Interesse) alle Systeme
gleichmäßig, bei den Übertragungsneurosen wird die vbw Besetzung zurückgezogen, bei der
Schizophrenie die des Ubw, bei der Amentia die des Bw.
[◀]
817
Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin