Seite - 819 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Nachdem uns der Traum als Normalvorbild der narzißtischen Seelenstörungen gedient hat,
wollen wir den Versuch machen, das Wesen der Melancholie durch ihre Vergleichung mit dem
Normalaffekt der Trauer zu erhellen. Wir müssen aber diesmal ein Bekenntnis vorausschicken,
welches vor Überschätzung des Ergebnisses warnen soll. Die Melancholie, deren
Begriffsbestimmung auch in der deskriptiven Psychiatrie schwankend ist, tritt in
verschiedenartigen klinischen Formen auf, deren Zusammenfassung zur Einheit nicht gesichert
scheint, von denen einige eher an somatische als an psychogene Affektionen mahnen. Unser
Material beschränkt sich, abgesehen von den Eindrücken, die jedem Beobachter zu Gebote
stehen, auf eine kleine Anzahl von Fällen, deren psychogene Natur keinem Zweifel unterlag. So
werden wir den Anspruch auf allgemeine Gültigkeit unserer Ergebnisse von vornherein
fallenlassen und uns mit der Erwägung trösten, daß wir mit unseren gegenwärtigen
Forschungsmitteln kaum etwas finden können, was nicht typisch wäre, wenn nicht für eine ganze
Klasse von Affektionen, so doch für eine kleinere Gruppe.
Die Zusammenstellung von Melancholie und Trauer erscheint durch das Gesamtbild der beiden
Zustände gerechtfertigt[30]. Auch die Anlässe zu beiden aus den Lebenseinwirkungen fallen dort,
wo sie überhaupt durchsichtig sind, zusammen. Trauer ist regelmäßig die Reaktion auf den
Verlust einer geliebten Person oder einer an ihre Stelle gerückten Abstraktion wie Vaterland,
Freiheit, ein Ideal usw. Unter den nämlichen Einwirkungen zeigt sich bei manchen Personen, die
wir darum unter den Verdacht einer krankhaften Disposition setzen, an Stelle der Trauer eine
Melancholie. Es ist auch sehr bemerkenswert, daß es uns niemals einfällt, die Trauer als einen
krankhaften Zustand zu betrachten und dem Arzt zur Behandlung zu übergeben, obwohl sie
schwere Abweichungen vom normalen Lebensverhalten mit sich bringt. Wir vertrauen darauf,
daß sie nach einem gewissen Zeitraum überwunden sein wird, und halten eine Störung derselben
für unzweckmäßig, selbst für schädlich.
Die Melancholie ist seelisch ausgezeichnet durch eine tief schmerzliche Verstimmung, eine
Aufhebung des Interesses für die Außenwelt, durch den Verlust der Liebesfähigkeit, durch die
Hemmung jeder Leistung und die Herabsetzung des Selbstgefühls, die sich in Selbstvorwürfen
und Selbstbeschimpfungen äußert und bis zur wahnhaften Erwartung von Strafe steigert. Dies
Bild wird unserem Verständnis nähergerückt, wenn wir erwägen, daß die Trauer dieselben Züge
aufweist, bis auf einen einzigen; die Störung des Selbstgefühls fällt bei ihr weg. Sonst aber ist es
dasselbe. Die schwere Trauer, die Reaktion auf den Verlust einer geliebten Person, enthält die
nämliche schmerzliche Stimmung, den Verlust des Interesses für die Außenwelt – soweit sie
nicht an den Verstorbenen mahnt –, den Verlust der Fähigkeit, irgendein neues Liebesobjekt zu
wählen – was den Betrauerten ersetzen hieße –, die Abwendung von jeder Leistung, die nicht mit
dem Andenken des Verstorbenen in Beziehung steht. Wir fassen es leicht, daß diese Hemmung
und Einschränkung des Ichs der Ausdruck der ausschließlichen Hingabe an die Trauer ist, wobei
für andere Absichten und Interessen nichts übrigbleibt. Eigentlich erscheint uns dieses Verhalten
nur darum nicht pathologisch, weil wir es so gut zu erklären wissen.
Wir werden auch den Vergleich gutheißen, der die Stimmung der Trauer eine »schmerzliche«
nennt. Seine Berechtigung wird uns wahrscheinlich einleuchten, wenn wir imstande sind, den
Schmerz ökonomisch zu charakterisieren.
Worin besteht nun die Arbeit, welche die Trauer leistet? Ich glaube, daß es nichts Gezwungenes
enthalten wird, sie in folgender Art darzustellen: Die Realitätsprüfung hat gezeigt, daß das
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin