Seite - 821 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Einschränkung sofort bestätigen. Er ist wirklich so interesselos, so unfähig zur Liebe und zur
Leistung, wie er sagt. Aber das ist, wie wir wissen, sekundär, ist die Folge der inneren, uns
unbekannten, der Trauer vergleichbaren Arbeit, welche sein Ich aufzehrt. In einigen anderen
Selbstanklagen scheint er uns gleichfalls recht zu haben und die Wahrheit nur schärfer zu
erfassen als andere, die nicht melancholisch sind. Wenn er sich in gesteigerter Selbstkritik als
kleinlichen, egoistischen, unaufrichtigen, unselbständigen Menschen schildert, der nur immer
bestrebt war, die Schwächen seines Wesens zu verbergen, so mag er sich unseres Wissens der
Selbsterkenntnis ziemlich angenähert haben, und wir fragen uns nur, warum man erst krank
werden muß, um solcher Wahrheit zugänglich zu sein. Denn es leidet keinen Zweifel, wer eine
solche Selbsteinschätzung gefunden hat und sie vor anderen äußert – eine Schätzung, wie sie
Prinz Hamlet für sich und alle anderen bereit hat[31] –, der ist krank, ob er nun die Wahrheit sagt
oder sich mehr oder weniger unrecht tut. Es ist auch nicht schwer zu bemerken, daß zwischen
dem Ausmaß der Selbsterniedrigung und ihrer realen Berechtigung nach unserem Urteil keine
Entsprechung besteht. Die früher brave, tüchtige und pflichttreue Frau wird in der Melancholie
nicht besser von sich sprechen als die in Wahrheit nichtsnutzige, ja vielleicht hat die erstere mehr
Aussicht, an Melancholie zu erkranken, als die andere, von der auch wir nichts Gutes zu sagen
wüßten. Endlich muß uns auffallen, daß der Melancholiker sich doch nicht ganz so benimmt wie
ein normalerweise von Reue und Selbstvorwurf Zerknirschter. Es fehlt das Schämen vor anderen,
welches diesen letzteren Zustand vor allem charakterisieren würde, oder es tritt wenigstens nicht
auffällig hervor. Man könnte am Melancholiker beinahe den gegenteiligen Zug einer
aufdringlichen Mitteilsamkeit hervorheben, die an der eigenen Bloßstellung eine Befriedigung
findet.
Es ist also nicht wesentlich, ob der Melancholiker mit seiner peinlichen Selbstherabsetzung
insofern recht hat, als diese Kritik mit dem Urteil der anderen zusammentrifft. Es muß sich
vielmehr darum handeln, daß er seine psychologische Situation richtig beschreibt. Er hat seine
Selbstachtung verloren und muß guten Grund dazu haben. Wir stehen dann allerdings vor einem
Widerspruch, der uns ein schwer lösbares Rätsel aufgibt. Nach der Analogie mit der Trauer
mußten wir schließen, daß er einen Verlust am Objekte erlitten hat; aus seinen Aussagen geht ein
Verlust an seinem Ich hervor.
Ehe wir uns mit diesem Widerspruch beschäftigen, verweilen wir einen Moment lang bei dem
Einblick, den uns die Affektion des Melancholikers in die Konstitution des menschlichen Ichs
gewährt. Wir sehen bei ihm, wie sich ein Teil des Ichs dem anderen gegenüberstellt, es kritisch
wertet, es gleichsam zum Objekt nimmt. Unser Verdacht, daß die hier vom Ich abgespaltene
kritische Instanz auch unter anderen Verhältnissen ihre Selbständigkeit erweisen könne, wird
durch alle weiteren Beobachtungen bestätigt werden. Wir werden wirklich Grund finden, diese
Instanz vom übrigen Ich zu sondern. Was wir hier kennenlernen, ist die gewöhnlich Gewissen
genannte Instanz; wir werden sie mit der Bewußtseinszensur und der Realitätsprüfung zu den
großen Ichinstitutionen rechnen und irgendwo auch die Beweise dafür finden, daß sie für sich
allein erkranken kann. Das Krankheitsbild der Melancholie läßt das moralische Mißfallen am
eigenen Ich vor anderen Ausstellungen hervortreten: körperliche Gebrechen, Häßlichkeit,
Schwäche, soziale Minderwertigkeit sind weit seltener Gegenstand der Selbsteinschätzung; nur
die Verarmung nimmt unter den Befürchtungen oder Behauptungen des Kranken eine bevorzugte
Stelle ein.
Zur Aufklärung des vorhin aufgestellten Widerspruches führt dann eine Beobachtung, die nicht
einmal schwer anzustellen ist. Hört man die mannigfachen Selbstanklagen des Melancholikers
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin