Seite - 823 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Objektwahl auf den ursprünglichen Narzißmus. Wir haben an anderer Stelle ausgeführt, daß die
Identifizierung die Vorstufe der Objektwahl ist und die erste, in ihrem Ausdruck ambivalente Art,
wie das Ich ein Objekt auszeichnet. Es möchte sich dieses Objekt einverleiben, und zwar der
oralen oder kannibalischen Phase der Libidoentwicklung entsprechend, auf dem Wege des
Fressens. Auf diesen Zusammenhang führt Abraham wohl mit Recht die Ablehnung der
Nahrungsaufnahme zurück, welche sich bei schwerer Ausbildung des melancholischen Zustandes
kundgibt.
Der von der Theorie geforderte Schluß, welcher die Disposition zur melancholischen Erkrankung
oder eines Stückes von ihr in die Vorherrschaft des narzißtischen Typus der Objektwahl verlegt,
entbehrt leider noch der Bestätigung durch die Untersuchung. Ich habe in den einleitenden Sätzen
dieser Abhandlung bekannt, daß das empirische Material, auf welches diese Studie gebaut ist, für
unsere Ansprüche nicht zureicht. Dürfen wir eine Übereinstimmung der Beobachtung mit
unseren Ableitungen annehmen, so würden wir nicht zögern, die Regression von der
Objektbesetzung auf die noch dem Narzißmus angehörige orale Libidophase in die Charakteristik
der Melancholie aufzunehmen. Identifizierungen mit dem Objekt sind auch bei den
Übertragungsneurosen keineswegs selten, vielmehr ein bekannter Mechanismus der
Symptombildung, zumal bei der Hysterie. Wir dürfen aber den Unterschied der narzißtischen
Identifizierung von der hysterischen darin erblicken, daß bei ersterer die Objektbesetzung
aufgelassen wird, während sie bei letzterer bestehenbleibt und eine Wirkung äußert, die sich
gewöhnlich auf gewisse einzelne Aktionen und Innervationen beschränkt. Immerhin ist die
Identifizierung auch bei den Übertragungsneurosen der Ausdruck einer Gemeinschaft, welche
Liebe bedeuten kann. Die narzißtische Identifizierung ist die ursprünglichere und eröffnet uns
den Zugang zum Verständnis der weniger gut studierten hysterischen.
Die Melancholie entlehnt also einen Teil ihrer Charaktere der Trauer, den anderen Teil dem
Vorgang der Regression von der narzißtischen Objektwahl zum Narzißmus. Sie ist einerseits wie
die Trauer Reaktion auf den realen Verlust des Liebesobjekts, aber sie ist überdies mit einer
Bedingung behaftet, welche der normalen Trauer abgeht oder dieselbe, wo sie hinzutritt, in eine
pathologische verwandelt. Der Verlust des Liebesobjekts ist ein ausgezeichneter Anlaß, um die
Ambivalenz der Liebesbeziehungen zur Geltung und zum Vorschein zu bringen. Wo die
Disposition zur Zwangsneurose vorhanden ist, verleiht darum der Ambivalenzkonflikt der Trauer
eine pathologische Gestaltung und zwingt sie, sich in der Form von Selbstvorwürfen, daß man
den Verlust des Liebesobjekts selbst verschuldet, d. h. gewollt habe, zu äußern. In solchen
zwangsneurotischen Depressionen nach dem Tode geliebter Personen wird uns vorgeführt, was
der Ambivalenzkonflikt für sich allein leistet, wenn die regressive Einziehung der Libido nicht
mit dabei ist. Die Anlässe der Melancholie gehen meist über den klaren Fall des Verlustes durch
den Tod hinaus und umfassen alle die Situationen von Kränkung, Zurücksetzung und
Enttäuschung, durch welche ein Gegensatz von Lieben und Hassen in die Beziehung eingetragen
oder eine vorhandene Ambivalenz verstärkt werden kann. Dieser Ambivalenzkonflikt, bald mehr
realer, bald mehr konstitutiver Herkunft, ist unter den Voraussetzungen der Melancholie nicht zu
vernachlässigen. Hat sich die Liebe zum Objekt, die nicht aufgegeben werden kann, während das
Objekt selbst aufgegeben wird, in die narzißtische Identifizierung geflüchtet, so betätigt sich an
diesem Ersatzobjekt der Haß, indem er es beschimpft, erniedrigt, leiden macht und an diesem
Leiden eine sadistische Befriedigung gewinnt. Die unzweifelhaft genußreiche Selbstquälerei der
Melancholie bedeutet ganz wie das entsprechende Phänomen der Zwangsneurose die
Befriedigung von sadistischen und Haßtendenzen[32] die einem Objekt gelten und auf diesem
Wege eine Wendung gegen die eigene Person erfahren haben. Bei beiden Affektionen pflegt es
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin