Seite - 825 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
Bild der Seite - 825 -
Text der Seite - 825 -
Die merkwürdigste und aufklärungsbedürftigste Eigentümlichkeit der Melancholie ist durch ihre
Neigung gegeben, in den symptomatisch gegensätzlichen Zustand der Manie umzuschlagen.
Bekanntlich hat nicht jede Melancholie dieses Schicksal. Manche Fälle verlaufen in periodischen
Rezidiven, deren Intervalle entweder keine oder eine nur sehr geringfügige Tönung von Manie
erkennen lassen. Andere zeigen jene regelmäßige Abwechslung von melancholischen und
manischen Phasen, die in der Aufstellung des zyklischen Irreseins Ausdruck gefunden hat. Man
wäre versucht, diese Fälle von der psychogenen Auffassung auszuschließen, wenn nicht die
psychoanalytische Arbeit gerade für mehrere dieser Erkrankungen Auflösung wie therapeutische
Beeinflussung zustande gebracht hätte. Es ist also nicht nur gestattet, sondern sogar geboten, eine
analytische Aufklärung der Melancholie auch auf die Manie auszudehnen.
Ich kann nicht versprechen, daß dieser Versuch voll befriedigend ausfallen wird. Er reicht
vielmehr nicht weit über die Möglichkeit einer ersten Orientierung hinaus. Es stehen uns hier
zwei Anhaltspunkte zu Gebote, der erste ein psychoanalytischer Eindruck, der andere eine, man
darf wohl sagen, allgemeine ökonomische Erfahrung. Der Eindruck, dem bereits mehrere
psychoanalytische Forscher Worte geliehen haben, geht dahin, daß die Manie keinen anderen
Inhalt hat als die Melancholie, daß beide Affektionen mit demselben »Komplex« ringen, dem das
Ich wahrscheinlich in der Melancholie erlegen ist, während es ihn in der Manie bewältigt oder
beiseite geschoben hat. Den anderen Anhalt gibt die Erfahrung, daß alle Zustände von Freude,
Jubel, Triumph, die uns das Normalvorbild der Manie zeigen, die nämliche ökonomische
Bedingtheit erkennen lassen. Es handelt sich bei ihnen um eine Einwirkung, durch welche ein
großer, lange unterhaltener oder gewohnheitsmäßig hergestellter psychischer Aufwand endlich
überflüssig wird, so daß er für mannigfache Verwendungen und Abfuhrmöglichkeiten bereitsteht.
Also zum Beispiel: Wenn ein armer Teufel durch einen großen Geldgewinn plötzlich der
chronischen Sorge um das tägliche Brot enthoben wird, wenn ein langes und mühseliges Ringen
sich am Ende durch den Erfolg gekrönt sieht, wenn man in die Lage kommt, einen drückenden
Zwang, eine lange fortgesetzte Verstellung mit einem Schlage aufzugeben u. dgl. Alle solche
Situationen zeichnen sich durch die gehobene Stimmung, die Abfuhrzeichen des freudigen
Affekts, und durch die gesteigerte Bereitwilligkeit zu allerlei Aktionen aus, ganz wie die Manie
und im vollen Gegensatz zur Depression und Hemmung der Melancholie. Man kann wagen, es
auszusprechen, daß die Manie nichts anderes ist als ein solcher Triumph, nur daß es wiederum
dem Ich verdeckt bleibt, was es überwunden hat und worüber es triumphiert. Den in dieselbe
Reihe von Zuständen gehörigen Alkoholrausch wird man – insofern er ein heiterer ist – ebenso
zurechtlegen dürfen; es handelt sich bei ihm wahrscheinlich um die toxisch erzielte Aufhebung
von Verdrängungsaufwänden. Die Laienmeinung nimmt gern an, daß man in solcher
maniakalischer Verfassung darum so bewegungs- und unternehmungslustig ist, weil man so »gut
aufgelegt« ist. Diese falsche Verknüpfung wird man natürlich auflösen müssen. Es ist jene
erwähnte ökonomische Bedingung im Seelenleben erfüllt worden, und darum ist man einerseits
in so heiterer Stimmung und anderseits so ungehemmt im Tun.
Setzen wir die beiden Andeutungen zusammen, so ergibt sich: In der Manie muß das Ich den
Verlust des Objekts (oder die Trauer über den Verlust oder vielleicht das Objekt selbst)
überwunden haben, und nun ist der ganze Betrag von Gegenbesetzung, den das schmerzhafte
Leiden der Melancholie aus dem Ich an sich gezogen und gebunden hatte, verfügbar geworden.
Der Manische demonstriert uns auch unverkennbar seine Befreiung von dem Objekt, an dem er
gelitten hatte, indem er wie ein Heißhungriger auf neue Objektbesetzungen ausgeht. Diese
Aufklärung klingt ja plausibel, aber sie ist erstens noch zu wenig bestimmt und läßt zweitens
mehr neue Fragen und Zweifel auftauchen, als wir beantworten können. Wir wollen uns der
825
Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin