Seite - 826 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Diskussion derselben nicht entziehen, wenn wir auch nicht erwarten können, durch sie hindurch
den Weg zur Klarheit zu finden.
Zunächst: Die normale Trauer überwindet ja auch den Verlust des Objekts und absorbiert
gleichfalls während ihres Bestandes alle Energien des Ichs. Warum stellt sich bei ihr die
ökonomische Bedingung für eine Phase des Triumphes nach ihrem Ablaufe auch nicht
andeutungsweise her? Ich finde es unmöglich, auf diesen Einwand kurzerhand zu antworten. Er
macht uns auch darauf aufmerksam, daß wir nicht einmal sagen können, durch welche
ökonomischen Mittel die Trauer ihre Aufgabe löst; aber vielleicht kann hier eine Vermutung
aushelfen. An jede einzelne der Erinnerungen und Erwartungssituationen, welche die Libido an
das verlorene Objekt geknüpft zeigen, bringt die Realität ihr Verdikt heran, daß das Objekt nicht
mehr existiere, und das Ich, gleichsam vor die Frage gestellt, ob es dieses Schicksal teilen will,
läßt sich durch die Summe der narzißtischen Befriedigungen, am Leben zu sein, bestimmen,
seine Bindung an das vernichtete Objekt zu lösen. Man kann sich etwa vorstellen, diese Lösung
gehe so langsam und schrittweise vor sich, daß mit der Beendigung der Arbeit auch der für sie
erforderliche Aufwand zerstreut ist[33].
Es ist verlockend, von der Mutmaßung über die Arbeit der Trauer den Weg zu einer Darstellung
der melancholischen Arbeit zu suchen. Da kommt uns zuerst eine Unsicherheit in den Weg. Wir
haben bisher den topischen Gesichtspunkt bei der Melancholie noch kaum berücksichtigt und die
Frage nicht aufgeworfen, in und zwischen welchen psychischen Systemen die Arbeit der
Melancholie vor sich geht. Was von den psychischen Vorgängen der Affektion spielt sich noch
an den aufgelassenen unbewußten Objektbesetzungen, was an deren Identifizierungsersatz im Ich
ab?
Es spricht sich nun rasch aus und schreibt sich leicht nieder, daß die »unbewußte (Ding-)
Vorstellung des Objekts von der Libido verlassen wird«. Aber in Wirklichkeit ist diese
Vorstellung durch ungezählte Einzeleindrücke (unbewußte Spuren derselben) vertreten, und die
Durchführung dieser Libidoabziehung kann nicht ein momentaner Vorgang sein, sondern gewiß
wie bei der Trauer ein langwieriger, allmählich fortschreitender Prozeß. Ob er an vielen Stellen
gleichzeitig beginnt oder eine irgendwie bestimmte Reihenfolge enthält, läßt sich ja nicht leicht
unterscheiden; in den Analysen kann man oft feststellen, daß bald diese, bald jene Erinnerung
aktiviert ist und daß die gleichlautenden, durch ihre Monotonie ermüdenden Klagen doch
jedesmal von einer anderen unbewußten Begründung herrühren. Wenn das Objekt keine so
große, durch tausendfältige Verknüpfung verstärkte Bedeutung für das Ich hat, so ist sein Verlust
auch nicht geeignet, eine Trauer oder eine Melancholie zu verursachen. Der Charakter der
Einzeldurchführung der Libidoablösung ist also der Melancholie wie der Trauer in gleicher
Weise zuzuschreiben, stützt sich wahrscheinlich auf die gleichen ökonomischen Verhältnisse und
dient denselben Tendenzen.
Die Melancholie hat aber, wie wir gehört haben, etwas mehr zum Inhalt als die normale Trauer.
Das Verhältnis zum Objekt ist bei ihr kein einfaches, es wird durch den Ambivalenzkonflikt
kompliziert. Die Ambivalenz ist entweder konstitutionell, d. h. sie hängt jeder Liebesbeziehung
dieses Ichs an, oder sie geht gerade aus den Erlebnissen hervor, welche die Drohung des
Objektverlustes mit sich bringen. Die Melancholie kann darum in ihren Veranlassungen weit über
die Trauer hinausgehen, welche in der Regel nur durch den Realverlust, den Tod des Objekts,
ausgelöst wird. Es spinnt sich also bei der Melancholie eine Unzahl von Einzelkämpfen um das
Objekt an, in denen Haß und Liebe miteinander ringen, die eine, um die Libido vom Objekt zu
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin