Seite - 835 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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gleichgültig, ob das Kind es selbst erfunden oder sich infolge einer Anregung zu eigen gemacht
hatte. Unser Interesse wird sich einem anderen Punkte zuwenden. Das Fortgehen der Mutter kann
dem Kinde unmöglich angenehm oder auch nur gleichgültig gewesen sein. Wie stimmt es also
zum Lustprinzip, daß es dieses ihm peinliche Erlebnis als Spiel wiederholt? Man wird vielleicht
antworten wollen, das Fortgehen müßte als Vorbedingung des erfreulichen Wiedererscheinens
gespielt werden, im letzteren sei die eigentliche Spielabsicht gelegen. Dem würde die
Beobachtung widersprechen, daß der erste Akt, das Fortgehen, für sich allein als Spiel inszeniert
wurde, und zwar ungleich häufiger als das zum lustvollen Ende fortgeführte Ganze.
Die Analyse eines solchen einzelnen Falles ergibt keine sichere Entscheidung; bei unbefangener
Betrachtung gewinnt man den Eindruck, daß das Kind das Erlebnis aus einem anderen Motiv
zum Spiel gemacht hat. Es war dabei passiv, wurde vom Erlebnis betroffen und bringt sich nun in
eine aktive Rolle, indem es dasselbe, trotzdem es unlustvoll war, als Spiel wiederholt. Dieses
Bestreben könnte man einem Bemächtigungstrieb zurechnen, der sich davon unabhängig macht,
ob die Erinnerung an sich lustvoll war oder nicht. Man kann aber auch eine andere Deutung
versuchen. Das Wegwerfen des Gegenstandes, so daß er fort ist, könnte die Befriedigung eines
im Leben unterdrückten Racheimpulses gegen die Mutter sein, weil sie vom Kinde fortgegangen
ist, und dann die trotzige Bedeutung haben: »Ja, geh’ nur fort, ich brauch’ dich nicht, ich schick’
dich selber weg.« Dasselbe Kind, das ich mit 1½ Jahren bei seinem ersten Spiel beobachtete,
pflegte ein Jahr später ein Spielzeug, über das es sich geärgert hatte, auf den Boden zu werfen
und dabei zu sagen: »Geh’ in K(r)ieg!« Man hatte ihm damals erzählt, der abwesende Vater
befinde sich im Krieg, und es vermißte den Vater gar nicht, sondern gab die deutlichsten
Anzeichen von sich, daß es im Alleinbesitz der Mutter nicht gestört werden wolle[38]. Wir wissen
auch von anderen Kindern, daß sie ähnliche feindselige Regungen durch das Wegschleudern von
Gegenständen an Stelle der Personen auszudrücken vermögen[39]. Man gerät so in Zweifel, ob der
Drang, etwas Eindrucksvolles psychisch zu verarbeiten, sich seiner voll zu bemächtigen, sich
primär und unabhängig vom Lustprinzip äußern kann. Im hier diskutierten Falle könnte er einen
unangenehmen Eindruck doch nur darum im Spiel wiederholen, weil mit dieser Wiederholung
ein andersartiger, aber direkter Lustgewinn verbunden ist.
Auch die weitere Verfolgung des Kinderspieles hilft diesem unserem Schwanken zwischen zwei
Auffassungen nicht ab. Man sieht, daß die Kinder alles im Spiele wiederholen, was ihnen im
Leben großen Eindruck gemacht hat, daß sie dabei die Stärke des Eindruckes abreagieren und
sich sozusagen zu Herren der Situation machen. Aber anderseits ist es klar genug, daß all ihr
Spielen unter dem Einflusse des Wunsches steht, der diese ihre Zeit dominiert, des Wunsches:
groß zu sein und so tun zu können wie die Großen. Man macht auch die Beobachtung, daß der
Unlustcharakter des Erlebnisses es nicht immer für das Spiel unbrauchbar macht. Wenn der
Doktor dem Kinde in den Hals geschaut oder eine kleine Operation an ihm ausgeführt hat, so
wird dies erschreckende Erlebnis ganz gewiß zum Inhalt des nächsten Spieles werden, aber der
Lustgewinn aus anderer Quelle ist dabei nicht zu übersehen. Indem das Kind aus der Passivität
des Erlebens in die Aktivität des Spielens übergeht, fügt es einem Spielgefährten das
Unangenehme zu, das ihm selbst widerfahren war, und rächt sich so an der Person dieses
Stellvertreters.
Aus diesen Erörterungen geht immerhin hervor, daß die Annahme eines besonderen
Nachahmungstriebes als Motiv des Spielens überflüssig ist. Schließen wir noch die Mahnungen
an, daß das künstlerische Spielen und Nachahmen der Erwachsenen, das zum Unterschied vom
Verhalten des Kindes auf die Person des Zuschauers zielt, diesem die schmerzlichsten Eindrücke
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin