Seite - 838 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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der Analysierten gehe von ihrem Ich aus, und dann erfassen wir sofort, der Wiederholungszwang
ist dem unbewußten Verdrängten zuzuschreiben. Er konnte sich wahrscheinlich nicht eher
äußern, als bis die entgegenkommende Arbeit der Kur die Verdrängung gelockert hatte[41].
Es ist kein Zweifel, daß der Widerstand des bewußten und vorbewußten Ichs im Dienste des
Lustprinzips steht, er will ja die Unlust ersparen, die durch das Freiwerden des Verdrängten
erregt würde, und unsere Bemühung geht dahin, solcher Unlust unter Berufung auf das
Realitätsprinzip Zulassung zu erwirken. In welcher Beziehung zum Lustprinzip steht aber der
Wiederholungszwang, die Kraftäußerung des Verdrängten? Es ist klar, daß das meiste, was der
Wiederholungszwang wiedererleben läßt, dem Ich Unlust bringen muß, denn er fördert ja
Leistungen verdrängter Triebregungen zutage, aber das ist Unlust, die wir schon gewürdigt
haben, die dem Lustprinzip nicht widerspricht, Unlust für das eine System und gleichzeitig
Befriedigung für das andere. Die neue und merkwürdige Tatsache aber, die wir jetzt zu
beschreiben haben, ist, daß der Wiederholungszwang auch solche Erlebnisse der Vergangenheit
wiederbringt, die keine Lustmöglichkeit enthalten, die auch damals nicht Befriedigungen, selbst
nicht von seither verdrängten Triebregungen, gewesen sein können.
Die Frühblüte des infantilen Sexuallebens war infolge der Unverträglichkeit ihrer Wünsche mit
der Realität und der Unzulänglichkeit der kindlichen Entwicklungsstufe zum Untergang
bestimmt. Sie ging bei den peinlichsten Anlässen unter tief schmerzlichen Empfindungen
zugrunde. Der Liebesverlust und das Mißlingen hinterließen eine dauernde Beeinträchtigung des
Selbstgefühls als narzißtische Narbe, nach meinen Erfahrungen wie nach den Ausführungen
Marcinowskis (1918) den stärksten Beitrag zu dem häufigen »Minderwertigkeitsgefühl« der
Neurotiker. Die Sexualforschung, der durch die körperliche Entwicklung des Kindes Schranken
gesetzt werden, brachte es zu keinem befriedigenden Abschluß; daher die spätere Klage: »Ich
kann nichts fertigbringen, mir kann nichts gelingen.« Die zärtliche Bindung, meist an den
gegengeschlechtlichen Elternteil, erlag der Enttäuschung, dem vergeblichen Warten auf
Befriedigung, der Eifersucht bei der Geburt eines neuen Kindes, die unzweideutig die Untreue
des oder der Geliebten erwies; der eigene mit tragischem Ernst unternommene Versuch, selbst
ein solches Kind zu schaffen, mißlang in beschämender Weise; die Abnahme der dem Kleinen
gespendeten Zärtlichkeit, der gesteigerte Anspruch der Erziehung, ernste Worte und eine
gelegentliche Bestrafung hatten endlich den ganzen Umfang der ihm zugefallenen Verschmähung
enthüllt. Es gibt hier einige wenige Typen, die regelmäßig wiederkehren, wie der typischen Liebe
dieser Kinderzeit ein Ende gesetzt wird.
Alle diese unerwünschten Anlässe und schmerzlichen Affektlagen werden nun vom Neurotiker in
der Übertragung wiederholt und mit großem Geschick neu belebt. Sie streben den Abbruch der
unvollendeten Kur an, sie wissen sich den Eindruck der Verschmähung wieder zu verschaffen,
den Arzt zu harten Worten und kühlem Benehmen gegen sie zu nötigen, sie finden die geeigneten
Objekte für ihre Eifersucht, sie ersetzen das heiß begehrte Kind der Urzeit durch den Vorsatz
oder das Versprechen eines großen Geschenkes, das meist ebensowenig real wird wie jenes.
Nichts von alledem konnte damals lustbringend sein; man sollte meinen, es müßte heute die
geringere Unlust bringen, wenn es als Erinnerung oder in Träumen auftauchte, als wenn es sich
zu neuem Erlebnis gestaltete. Es handelt sich natürlich um die Aktion von Trieben, die zur
Befriedigung führen sollten, allein die Erfahrung, daß sie anstatt dessen auch damals nur Unlust
brachten, hat nichts gefruchtet. Sie wird trotzdem wiederholt; ein Zwang drängt dazu.
Dasselbe, was die Psychoanalyse an den Übertragungsphänomenen der Neurotiker aufzeigt, kann
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin