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Elemente hinterläßt, sondern gleichsam im Phänomen des Bewußtwerdens verpufft. Eine solche
Abweichung von der allgemeinen Regel fordert eine Erklärung durch ein Moment, welches
ausschließlich bei diesem einen System in Betracht kommt, und dies den anderen Systemen
abzusprechende Moment könnte leicht die exponierte Lage des Systems Bw sein, sein
unmittelbares Anstoßen an die Außenwelt.
Stellen wir uns den lebenden Organismus in seiner größtmöglichen Vereinfachung als
undifferenziertes Bläschen reizbarer Substanz vor; dann ist seine der Außenwelt zugekehrte
Oberfläche durch ihre Lage selbst differenziert und dient als reizaufnehmendes Organ. Die
Embryologie als Wiederholung der Entwicklungsgeschichte zeigt auch wirklich, daß das
Zentralnervensystem aus dem Ektoderm hervorgeht, und die graue Hirnrinde ist noch immer ein
Abkömmling der primitiven Oberfläche und könnte wesentliche Eigenschaften derselben durch
Erbschaft übernommen haben. Es wäre dann leicht denkbar, daß durch unausgesetzten Anprall
der äußeren Reize an die Oberfläche des Bläschens dessen Substanz bis in eine gewisse Tiefe
dauernd verändert wird, so daß ihr Erregungsvorgang anders abläuft als in tieferen Schichten. Es
bildete sich so eine Rinde, die endlich durch die Reizwirkung so durchgebrannt ist, daß sie der
Reizaufnahme die günstigsten Verhältnisse entgegenbringt und einer weiteren Modifikation nicht
fähig ist. Auf das System Bw übertragen, würde dies meinen, daß dessen Elemente keine
Dauerveränderung beim Durchgang der Erregung mehr annehmen können, weil sie bereits aufs
äußerste im Sinne dieser Wirkung modifiziert sind. Dann sind sie aber befähigt, das Bewußtsein
entstehen zu lassen. Worin diese Modifikation der Substanz und des Erregungsvorganges in ihr
besteht, darüber kann man sich mancherlei Vorstellungen machen, die sich derzeit der Prüfung
entziehen. Man kann annehmen, die Erregung habe bei ihrem Fortgang von einem Element zum
anderen einen Widerstand zu überwinden und diese Verringerung des Widerstandes setze eben
die Dauerspur der Erregung (Bahnung); im System Bw bestünde also ein solcher
Übergangswiderstand von einem Element zum anderen nicht mehr. Man kann mit dieser
Vorstellung die Breuersche Unterscheidung von ruhender (gebundener) und frei beweglicher
Besetzungsenergie in den Elementen der psychischen Systeme zusammenbringen[44]; die
Elemente des Systems Bw würden dann keine gebundene und nur frei abfuhrfähige Energie
führen. Aber ich meine, vorläufig ist es besser, wenn man sich über diese Verhältnisse möglichst
unbestimmt äußert. Immerhin hätten wir durch diese Spekulation die Entstehung des
Bewußtseins in einen gewissen Zusammenhang mit der Lage des Systems Bw und den ihm
zuzuschreibenden Besonderheiten des Erregungsvorganges verflochten.
An dem lebenden Bläschen mit seiner reizaufnehmenden Rindenschichte haben wir noch anderes
zu erörtern. Dieses Stückchen lebender Substanz schwebt inmitten einer mit den stärksten
Energien geladenen Außenwelt und würde von den Reizwirkungen derselben erschlagen werden,
wenn es nicht mit einem Reizschutz versehen wäre. Es bekommt ihn dadurch, daß seine äußerste
Oberfläche die dem Lebenden zukommende Struktur aufgibt, gewissermaßen anorganisch wird
und nun als eine besondere Hülle oder Membran reizabhaltend wirkt, das heißt veranlaßt, daß die
Energien der Außenwelt sich nun mit einem Bruchteil ihrer Intensität auf die nächsten, lebend
gebliebenen Schichten fortsetzen können. Diese können nun hinter dem Reizschutz sich der
Aufnahme der durchgelassenen Reizmengen widmen. Die Außenschicht hat aber durch ihr
Absterben alle tieferen vor dem gleichen Schicksal bewahrt, wenigstens so lange, bis nicht Reize
von solcher Stärke herankommen, daß sie den Reizschutz durchbrechen. Für den lebenden
Organismus ist der Reizschutz eine beinahe wichtigere Aufgabe als die Reizaufnahme; er ist mit
einem eigenen Energievorrat ausgestattet und muß vor allem bestrebt sein, die besonderen
Formen der Energieumsetzung, die in ihm spielen, vor dem gleichmachenden, also zerstörenden
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin