Seite - 843 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Einfluß der übergroßen, draußen arbeitenden Energien zu bewahren. Die Reizaufnahme dient vor
allem der Absicht, Richtung und Art der äußeren Reize zu erfahren, und dazu muß es genügen,
der Außenwelt kleine Proben zu entnehmen, sie in geringen Quantitäten zu verkosten. Bei den
hochentwickelten Organismen hat sich die reizaufnehmende Rindenschicht des einstigen
Bläschens längst in die Tiefe des Körperinnern zurückgezogen, aber Anteile von ihr sind an der
Oberfläche unmittelbar unter dem allgemeinen Reizschutz zurückgelassen. Dies sind die
Sinnesorgane, die im wesentlichen Einrichtungen zur Aufnahme spezifischer Reizeinwirkungen
enthalten, aber außerdem besondere Vorrichtungen zu neuerlichem Schutz gegen übergroße
Reizmengen und zur Abhaltung unangemessener Reizarten. Es ist für sie charakteristisch, daß sie
nur sehr geringe Quantitäten des äußeren Reizes verarbeiten, sie nehmen nur Stichproben der
Außenwelt vor; vielleicht darf man sie Fühlern vergleichen, die sich an die Außenwelt
herantasten und dann immer wieder von ihr zurückziehen.
Ich gestatte mir an dieser Stelle ein Thema flüchtig zu berühren, welches die gründlichste
Behandlung verdienen würde. Der Kantsche Satz, daß Zeit und Raum notwendige Formen
unseres Denkens sind, kann heute infolge gewisser psychoanalytischer Erkenntnisse einer
Diskussion unterzogen werden. Wir haben erfahren, daß die unbewußten Seelenvorgänge an sich
»zeitlos« sind. Das heißt zunächst, daß sie nicht zeitlich geordnet werden, daß die Zeit nichts an
ihnen verändert, daß man die Zeitvorstellung nicht an sie heranbringen kann. Es sind dies
negative Charaktere, die man sich nur durch Vergleichung mit den bewußten seelischen
Prozessen deutlich machen kann. Unsere abstrakte Zeitvorstellung scheint vielmehr durchaus von
der Arbeitsweise des Systems W-Bw hergeholt zu sein und einer Selbstwahrnehmung derselben
zu entsprechen. Bei dieser Funktionsweise des Systems dürfte ein anderer Weg des Reizschutzes
beschritten werden. Ich weiß, daß diese Behauptungen sehr dunkel klingen, muß mich aber auf
solche Andeutungen beschränken.
Wir haben bisher ausgeführt, daß das lebende Bläschen mit einem Reizschutz gegen die
Außenwelt ausgestattet ist. Vorhin hatten wir festgelegt, daß die nächste Rindenschicht desselben
als Organ zur Reizaufnahme von außen differenziert sein muß. Diese empfindliche
Rindenschicht, das spätere System Bw, empfängt aber auch Erregungen von innen her; die
Stellung des Systems zwischen außen und innen und die Verschiedenheit der Bedingungen für
die Einwirkung von der einen und der anderen Seite werden maßgebend für die Leistung des
Systems und des ganzen seelischen Apparates. Gegen außen gibt es einen Reizschutz, die
ankommenden Erregungsgrößen werden nur in verkleinertem Maßstab wirken; nach innen zu ist
der Reizschutz unmöglich, die Erregungen der tieferen Schichten setzen sich direkt und in
unverringertem Maße auf das System fort, indem gewisse Charaktere ihres Ablaufes die Reihe
der Lust-Unlustempfindungen erzeugen. Allerdings werden die von innen kommenden
Erregungen nach ihrer Intensität und nach anderen qualitativen Charakteren (eventuell nach ihrer
Amplitude) der Arbeitsweise des Systems adäquater sein als die von der Außenwelt
zuströmenden Reize. Aber zweierlei ist durch diese Verhältnisse entscheidend bestimmt, erstens
die Prävalenz der Lust- und Unlustempfindungen, die ein Index für Vorgänge im Innern des
Apparates sind, über alle äußeren Reize und zweitens eine Richtung des Verhaltens gegen solche
innere Erregungen, welche allzu große Unlustvermehrung herbeiführen. Es wird sich die Neigung
ergeben, sie so zu behandeln, als ob sie nicht von innen, sondern von außen her einwirkten, um
die Abwehrmittel des Reizschutzes gegen sie in Anwendung bringen zu können. Dies ist die
Herkunft der Projektion, der eine so große Rolle bei der Verursachung pathologischer Prozesse
vorbehalten ist.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin