Seite - 844 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Ich habe den Eindruck, daß wir durch die letzten Überlegungen die Herrschaft des Lustprinzips
unserem Verständnis angenähert haben; eine Aufklärung jener Fälle, die sich ihm widersetzen,
haben wir aber nicht erreicht. Gehen wir darum einen Schritt weiter. Solche Erregungen von
außen, die stark genug sind, den Reizschutz zu durchbrechen, heißen wir traumatische. Ich
glaube, daß der Begriff des Traumas eine solche Beziehung auf eine sonst wirksame
Reizabhaltung erfordert. Ein Vorkommnis wie das äußere Trauma wird gewiß eine großartige
Störung im Energiebetrieb des Organismus hervorrufen und alle Abwehrmittel in Bewegung
setzen. Aber das Lustprinzip ist dabei zunächst außer Kraft gesetzt. Die Überschwemmung des
seelischen Apparates mit großen Reizmengen ist nicht mehr hintanzuhalten; es ergibt sich
vielmehr eine andere Aufgabe, den Reiz zu bewältigen, die hereingebrochenen Reizmengen
psychisch zu binden, um sie dann der Erledigung zuzuführen.
Wahrscheinlich ist die spezifische Unlust des körperlichen Schmerzes der Erfolg davon, daß der
Reizschutz in beschränktem Umfange durchbrochen wurde. Von dieser Stelle der Peripherie
strömen dann dem seelischen Zentralapparat kontinuierliche Erregungen zu, wie sie sonst nur aus
dem Innern des Apparates kommen konnten[45]. Und was können wir als die Reaktion des
Seelenlebens auf diesen Einbruch erwarten? Von allen Seiten her wird die Besetzungsenergie
aufgeboten, um in der Umgebung der Einbruchstelle entsprechend hohe Energiebesetzungen zu
schaffen. Es wird eine großartige »Gegenbesetzung« hergestellt, zu deren Gunsten alle anderen
psychischen Systeme verarmen, so daß eine ausgedehnte Lähmung oder Herabsetzung der
sonstigen psychischen Leistung erfolgt. Wir suchen aus solchen Beispielen zu lernen, unsere
metapsychologischen Vermutungen an solche Vorbilder anzulehnen. Wir ziehen also aus diesem
Verhalten den Schluß, daß ein selbst hochbesetztes System imstande ist, neu hinzukommende
strömende Energie aufzunehmen, sie in ruhende Besetzung umzuwandeln, also sie psychisch zu
»binden«. Je höher die eigene ruhende Besetzung ist, desto größer wäre auch ihre bindende Kraft;
umgekehrt also, je niedriger seine Besetzung ist, desto weniger wird das System für die
Aufnahme zuströmender Energie befähigt sein, desto gewaltsamer müssen dann die Folgen eines
solchen Durchbruches des Reizschutzes sein. Man wird gegen diese Auffassung nicht mit Recht
einwenden, daß die Erhöhung der Besetzung um die Einbruchsteile sich weit einfacher aus der
direkten Fortleitung der ankommenden Erregungsmengen erkläre. Wenn dem so wäre, so würde
der seelische Apparat ja nur eine Vermehrung seiner Energiebesetzungen erfahren, und der
lähmende Charakter des Schmerzes, die Verarmung aller anderen Systeme bliebe unaufgeklärt.
Auch die sehr heftigen Abfuhrwirkungen des Schmerzes stören unsere Erklärung nicht, denn sie
gehen reflektorisch vor sich, das heißt, sie erfolgen ohne Vermittlung des seelischen Apparats.
Die Unbestimmtheit all unserer Erörterungen, die wir metapsychologische heißen, rührt natürlich
daher, daß wir nichts über die Natur des Erregungsvorganges in den Elementen der psychischen
Systeme wissen und uns zu keiner Annahme darüber berechtigt fühlen. So operieren wir also
stets mit einem großen X, welches wir in jede neue Formel mit hinübernehmen. Daß dieser
Vorgang sich mit quantitativ verschiedenen Energien vollzieht, ist eine leicht zulässige
Forderung, daß er auch mehr als eine Qualität (zum Beispiel in der Art einer Amplitude) hat, mag
uns wahrscheinlich sein; als neu haben wir die Aufstellung Breuers in Betracht gezogen, daß es
sich um zweierlei Formen der Energieerfüllung handelt, so daß eine frei strömende, nach Abfuhr
drängende, und eine ruhende Besetzung der psychischen Systeme (oder ihrer Elemente) zu
unterscheiden ist. Vielleicht geben wir der Vermutung Raum, daß die »Bindung« der in den
seelischen Apparat einströmenden Energie in einer Überführung aus dem frei strömenden in den
ruhenden Zustand besteht.
Ich glaube, man darf den Versuch wagen, die gemeine traumatische Neurose als die Folge eines
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin