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Von den »Kriegsneurosen«, soweit diese Bezeichnung mehr als die Beziehung zur Veranlassung
des Leidens bedeutet, habe ich an anderer Stelle ausgeführt, daß sie sehr wohl traumatische
Neurosen sein könnten, die durch einen Ichkonflikt erleichtert worden sind[46]. Die auf Seite 222
erwähnte Tatsache, daß eine gleichzeitige grobe Verletzung durch das Trauma die Chance für die
Entstehung einer Neurose verringert, ist nicht mehr unverständlich, wenn man zweier von der
psychoanalytischen Forschung betonter Verhältnisse gedenkt. Erstens, daß mechanische
Erschütterung als eine der Quellen der Sexualerregung anerkannt werden muß (vgl. die
Bemerkungen über die Wirkung des Schaukelns und Eisenbahnfahrens in Drei Abhandlungen zur
Sexualtheorie, 1905 d), und zweitens, daß dem schmerzhaften und fieberhaften Kranksein
während seiner Dauer ein mächtiger Einfluß auf die Verteilung der Libido zukommt. So würde
also die mechanische Gewalt des Traumas das Quantum Sexualerregung frei machen, welches
infolge der mangelnden Angstvorbereitung traumatisch wirkt, die gleichzeitige Körperverletzung
würde aber durch die Anspruchnahme einer narzißtischen Überbesetzung des leidenden Organs
den Überschuß an Erregung binden (s. ›Zur Einführung des Narzißmus‹). Es ist auch bekannt,
aber für die Libidotheorie nicht genügend verwertet worden, daß so schwere Störungen in der
Libidoverteilung wie die einer Melancholie durch eine interkurrente organische Erkrankung
zeitweilig aufgehoben werden, ja, daß sogar der Zustand einer voll entwickelten Dementia
praecox unter der nämlichen Bedingung einer vorübergehenden Rückbildung fähig ist.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin