Seite - 850 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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schrumpft, in diesem Licht gesehen, ein; es sind Partialtriebe, dazu bestimmt, den eigenen
Todesweg des Organismus zu sichern und andere Möglichkeiten der Rückkehr zum
Anorganischen als die immanenten fernzuhalten, aber das rätselhafte, in keinen Zusammenhang
einfügbare Bestreben des Organismus, sich aller Welt zum Trotz zu behaupten, entfällt. Es
erübrigt, daß der Organismus nur auf seine Weise sterben will; auch diese Lebenswächter sind
ursprünglich Trabanten des Todes gewesen. Dabei kommt das Paradoxe zustande, daß der
lebende Organismus sich auf das energischeste gegen Einwirkungen (Gefahren) sträubt, die ihm
dazu verhelfen könnten, sein Lebensziel auf kurzem Wege (durch Kurzschluß sozusagen) zu
erreichen, aber dies Verhalten charakterisiert eben ein rein triebhaftes im Gegensatz zu einem
intelligenten Streben.
Aber besinnen wir uns, dem kann nicht so sein! In ein ganz anderes Licht rücken die
Sexualtriebe, für welche die Neurosenlehre eine Sonderstellung in Anspruch genommen hat.
Nicht alle Organismen sind dem äußeren Zwang unterlegen, der sie zu immer weiter gehender
Entwicklung antrieb. Vielen ist es gelungen, sich auf ihrer niedrigen Stufe bis auf die Gegenwart
zu bewahren; es leben ja noch heute, wenn nicht alle, so doch viele Lebewesen, die den
Vorstufen der höheren Tiere und Pflanzen ähnlich sein müssen. Und ebenso machen nicht alle
Elementarorganismen, welche den komplizierten Leib eines höheren Lebewesens
zusammensetzen, den ganzen Entwicklungsweg bis zum natürlichen Tode mit. Einige unter
ihnen, die Keimzellen, bewahren wahrscheinlich die ursprüngliche Struktur der lebenden
Substanz und lösen sich, mit allen ererbten und neu erworbenen Triebanlagen beladen, nach einer
gewissen Zeit vom ganzen Organismus ab. Vielleicht sind es gerade diese beiden Eigenschaften,
die ihnen ihre selbständige Existenz ermöglichen. Unter günstige Bedingungen gebracht,
beginnen sie sich zu entwickeln, das heißt das Spiel, dem sie ihre Entstehung verdanken, zu
wiederholen, und dies endet damit, daß wieder ein Anteil ihrer Substanz die Entwicklung bis zum
Ende fortführt, während ein anderer als neuer Keimrest von neuem auf den Anfang der
Entwicklung zurückgreift. So arbeiten diese Keimzellen dem Sterben der lebenden Substanz
entgegen und wissen für sie zu erringen, was uns als potentielle Unsterblichkeit erscheinen muß,
wenngleich es vielleicht nur eine Verlängerung des Todesweges bedeutet. Im höchsten Grade
bedeutungsvoll ist uns die Tatsache, daß die Keimzelle für diese Leistung durch die
Verschmelzung mit einer anderen, ihr ähnlichen und doch von ihr verschiedenen, gekräftigt oder
überhaupt erst befähigt wird.
Die Triebe, welche die Schicksale dieser das Einzelwesen überlebenden Elementarorganismen in
acht nehmen, für ihre sichere Unterbringung sorgen, solange sie wehrlos gegen die Reize der
Außenwelt sind, ihr Zusammentreffen mit den anderen Keimzellen herbeiführen usw., bilden die
Gruppe der Sexualtriebe. Sie sind in demselben Sinne konservativ wie die anderen, indem sie
frühere Zustände der lebenden Substanz wiederbringen, aber sie sind es in stärkerem Maße,
indem sie sich als besonders resistent gegen äußere Einwirkungen erweisen, und dann noch in
einem weiteren Sinne, da sie das Leben selbst für längere Zeiten erhalten[50]. Sie sind die
eigentlichen Lebenstriebe; dadurch, daß sie der Absicht der anderen Triebe, welche durch die
Funktion zum Tode führt, entgegenwirken, deutet sich ein Gegensatz zwischen ihnen und den
übrigen an, den die Neurosenlehre frühzeitig als bedeutungsvoll erkannt hat. Es ist wie ein
Zauderrhythmus im Leben der Organismen; die eine Triebgruppe stürmt nach vorwärts, um das
Endziel des Lebens möglichst bald zu erreichen, die andere schnellt an einer gewissen Stelle
dieses Weges zurück, um ihn von einem bestimmten Punkt an nochmals zu machen und so die
Dauer des Weges zu verlängern. Aber wenn auch Sexualität und Unterschied der Geschlechter zu
Beginn des Lebens gewiß nicht vorhanden waren, so bleibt es doch möglich, daß die später als
850
Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin