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lassen zum mindesten an der Alleinherrschaft der von ihm aufgestellten Gesetze zweifeln.
Das größte Interesse knüpft sich für uns an die Behandlung, welche das Thema von der
Lebensdauer und vom Tode der Organismen in den Arbeiten von A. Weismann (1882, 1884,
1892, u. a.) gefunden hat. Von diesem Forscher rührt die Unterscheidung der lebenden Substanz
in eine sterbliche und unsterbliche Hälfte her; die sterbliche ist der Körper im engeren Sinne, das
Soma, sie allein ist dem natürlichen Tode unterworfen, die Keimzellen aber sind potentia
unsterblich, insofern sie imstande sind, unter gewissen günstigen Bedingungen sich zu einem
neuen Individuum zu entwickeln, oder anders ausgedrückt, sich mit einem neuen Soma zu
umgeben[53].
Was uns hieran fesselt, ist die unerwartete Analogie mit unserer eigenen, auf so verschiedenem
Wege entwickelten Auffassung. Weismann, der die lebende Substanz morphologisch betrachtet,
erkennt in ihr einen Bestandteil, der dem Tode verfallen ist, das Soma, den Körper abgesehen
vom Geschlechts- und Vererbungsstoff, und einen unsterblichen, eben dieses Keimplasma,
welches der Erhaltung der Art, der Fortpflanzung dient. Wir haben nicht den lebenden Stoff,
sondern die in ihm tätigen Kräfte eingestellt und sind dazu geführt worden, zwei Arten von
Trieben zu unterscheiden, jene, welche das Leben zum Tod führen wollen, die anderen, die
Sexualtriebe, welche immer wieder die Erneuerung des Lebens anstreben und durchsetzen. Das
klingt wie ein dynamisches Korollar zu Weismanns morphologischer Theorie.
Der Anschein einer bedeutsamen Übereinstimmung verflüchtigt sich alsbald, wenn wir
Weismanns Entscheidung über das Problem des Todes vernehmen. Denn Weismann läßt die
Sonderung von sterblichem Soma und unsterblichem Keimplasma erst bei den vielzelligen
Organismen gelten, bei den einzelligen Tieren sind Individuum und Fortpflanzungszelle noch ein
und dasselbe[54]. Die Einzelligen erklärt er also für potentiell unsterblich, der Tod tritt erst bei den
Metazoen, den Vielzelligen, auf. Dieser Tod der höheren Lebewesen ist allerdings ein
natürlicher, ein Tod aus inneren Ursachen, aber er beruht nicht auf einer Ureigenschaft der
lebenden Substanz[55], kann nicht als eine absolute, im Wesen des Lebens begründete
Notwendigkeit aufgefaßt werden[56]. Der Tod ist vielmehr eine Zweckmäßigkeitseinrichtung, eine
Erscheinung der Anpassung an die äußeren Lebensbedingungen, weil von der Sonderung der
Körperzellen in Soma und Keimplasma an die unbegrenzte Lebensdauer des Individuums ein
ganz unzweckmäßiger Luxus geworden wäre. Mit dem Eintritt dieser Differenzierung bei den
Vielzelligen wurde der Tod möglich und zweckmäßig. Seither stirbt das Soma der höheren
Lebewesen aus inneren Gründen zu bestimmten Zeiten ab, die Protisten aber sind unsterblich
geblieben. Die Fortpflanzung hingegen ist nicht erst mit dem Tode eingeführt worden, sie ist
vielmehr eine Ureigenschaft der lebenden Materie wie das Wachstum, aus welchem sie
hervorging, und das Leben ist von seinem Beginn auf Erden an kontinuierlich geblieben[57].
Es ist leicht einzusehen, daß das Zugeständnis eines natürlichen Todes für die höheren
Organismen unserer Sache wenig hilft. Wenn der Tod eine späte Erwerbung der Lebewesen ist,
dann kommen Todestriebe, die sich vom Beginn des Lebens auf Erden ableiten, weiter nicht in
Betracht. Die Vielzelligen mögen dann immerhin aus inneren Gründen sterben, an den Mängeln
ihrer Differenzierung oder an den Unvollkommenheiten ihres Stoffwechsels; es hat für die Frage,
die uns beschäftigt, kein Interesse. Eine solche Auffassung und Ableitung des Todes liegt dem
gewohnten Denken der Menschen auch sicherlich viel näher als die befremdende Annahme von
»Todestrieben«.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin