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Die Diskussion, die sich an die Aufstellungen von Weismann angeschlossen, hat nach meinem
Urteil in keiner Richtung Entscheidendes ergeben[58]. Manche Autoren sind zum Standpunkt von
Goette zurückgekehrt (1883), der in dem Tod die direkte Folge der Fortpflanzung sah. Hartmann
charakterisiert den Tod nicht durch Auftreten einer »Leiche«, eines abgestorbenen Anteiles der
lebenden Substanz, sondern definiert ihn als den »Abschluß der individuellen Entwicklung«. In
diesem Sinne sind auch die Protozoen sterblich, der Tod fällt bei ihnen immer mit der
Fortpflanzung zusammen, aber er wird durch diese gewissermaßen verschleiert, indem die ganze
Substanz des Elterntieres direkt in die jungen Kinderindividuen übergeführt werden kann[59].
Das Interesse der Forschung hat sich bald darauf gerichtet, die behauptete Unsterblichkeit der
lebenden Substanz an den Einzelligen experimentell zu erproben. Ein Amerikaner, Woodruff, hat
ein bewimpertes Infusorium, ein »Pantoffeltierchen«, das sich durch Teilung in zwei Individuen
fortpflanzt, in Zucht genommen und es bis zur 3029sten Generation, wo er den Versuch abbrach,
verfolgt, indem er jedesmal das eine der Teilprodukte isolierte und in frisches Wasser brachte.
Dieser späte Abkömmling des ersten Pantoffeltierchens war ebenso frisch wie der Urahn, ohne
alle Zeichen des Alterns oder der Degeneration; somit schien, wenn solchen Zahlen bereits
Beweiskraft zukommt, die Unsterblichkeit der Protisten experimentell erweisbar[60].
Andere Forscher sind zu anderen Resultaten gekommen. Maupas, Calkins und andere haben im
Gegensatz zu Woodruff gefunden, daß auch diese Infusorien nach einer gewissen Anzahl von
Teilungen schwächer werden, an Größe abnehmen, einen Teil ihrer Organisation einbüßen und
endlich sterben, wenn sie nicht gewisse auffrischende Einflüsse erfahren. Demnach stürben die
Protozoen nach einer Phase des Altersverfalles ganz wie die höheren Tiere, so recht im
Widerspruch zu den Behauptungen Weismanns, der den Tod als eine späte Erwerbung der
lebenden Organismen anerkennt.
Aus dem Zusammenhang dieser Untersuchungen heben wir zwei Tatsachen heraus, die uns einen
festen Anhalt zu bieten scheinen. Erstens: Wenn die Tierchen zu einem Zeitpunkt, da sie noch
keine Altersveränderung zeigen, miteinander zu zweit verschmelzen, »kopulieren« können –
worauf sie nach einiger Zeit wieder auseinandergehen –, so bleiben sie vom Alter verschont, sie
sind »verjüngt« worden. Diese Kopulation ist doch wohl der Vorläufer der geschlechtlichen
Fortpflanzung höherer Wesen; sie hat mit der Vermehrung noch nichts zu tun, beschränkt sich
auf die Vermischung der Substanzen beider Individuen (Weismanns Amphimixis). Der
auffrischende Einfluß der Kopulation kann aber auch ersetzt werden durch bestimmte Reizmittel,
Veränderungen in der Zusammensetzung der Nährflüssigkeit, Temperatursteigerung oder
Schütteln. Man erinnert sich an das berühmte Experiment von J. Loeb, der Seeigeleier durch
gewisse chemische Reize zu Teilungsvorgängen zwang, die sonst nur nach der Befruchtung
auftreten.
Zweitens: Es ist doch wahrscheinlich, daß die Infusorien durch ihren eigenen Lebensprozeß zu
einem natürlichen Tod geführt werden, denn der Widerspruch zwischen den Ergebnissen von
Woodruff und von anderen rührt daher, daß Woodruff jede neue Generation in frische
Nährflüssigkeit brachte. Unterließ er dies, so beobachtete er dieselben Altersveränderungen der
Generationen wie die anderen Forscher. Er schloß, daß die Tierchen durch die Produkte des
Stoffwechsels, die sie an die umgebende Flüssigkeit abgeben, geschädigt werden, und konnte
dann überzeugend nachweisen, daß nur die Produkte des eigenen Stoffwechsels diese zum Tod
der Generation führende Wirkung haben. Denn in einer Lösung, die mit den Abfallsprodukten
einer entfernter verwandten Art übersättigt war, gediehen dieselben Tierchen ausgezeichnet, die,
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin