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in ihrer eigenen Nährflüssigkeit angehäuft, sicher zugrunde gingen. Das Infusor stirbt also, sich
selbst überlassen, eines natürlichen Todes an der Unvollkommenheit der Beseitigung seiner
eigenen Stoffwechselprodukte; aber vielleicht sterben auch alle höheren Tiere im Grunde an dem
gleichen Unvermögen.
Es mag uns da der Zweifel anwandeln, ob es überhaupt zweckdienlich war, die Entscheidung der
Frage nach dem natürlichen Tod im Studium der Protozoen zu suchen. Die primitive
Organisation dieser Lebewesen mag uns wichtige Verhältnisse verschleiern, die auch bei ihnen
statthaben, aber erst bei höheren Tieren erkannt werden können, wo sie sich einen
morphologischen Ausdruck verschafft haben. Wenn wir den morphologischen Standpunkt
verlassen, um den dynamischen einzunehmen, so kann es uns überhaupt gleichgültig sein, ob sich
der natürliche Tod der Protozoen erweisen läßt oder nicht. Bei ihnen hat sich die später als
unsterblich erkannte Substanz von der sterblichen noch in keiner Weise gesondert. Die
Triebkräfte, die das Leben in den Tod überführen wollen, könnten auch in ihnen von Anfang an
wirksam sein, und doch könnte ihr Effekt durch den der lebenserhaltenden Kräfte so gedeckt
werden, daß ihr direkter Nachweis sehr schwierig wird. Wir haben allerdings gehört, daß die
Beobachtungen der Biologen uns die Annahme solcher zum Tod führenden inneren Vorgänge
auch für die Protisten gestatten. Aber selbst wenn die Protisten sich als unsterblich im Sinne von
Weismann erweisen, so gilt seine Behauptung, der Tod sei eine späte Erwerbung, nur für die
manifesten Äußerungen des Todes und macht keine Annahme über die zum Tode drängenden
Prozesse unmöglich. Unsere Erwartung, die Biologie werde die Anerkennung der Todestriebe
glatt beseitigen, hat sich nicht erfüllt. Wir können uns mit ihrer Möglichkeit weiter beschäftigen,
wenn wir sonst Gründe dafür haben. Die auffällige Ähnlichkeit der Weismannschen Sonderung
von Soma und Keimplasma mit unserer Scheidung der Todestriebe von den Lebenstrieben bleibt
aber bestehen und erhält ihren Wert wieder.
Verweilen wir kurz bei dieser exquisit dualistischen Auffassung des Trieblebens. Nach der
Theorie E. Herings von den Vorgängen in der lebenden Substanz laufen in ihr unausgesetzt
zweierlei Prozesse entgegengesetzter Richtung ab, die einen aufbauend – assimilatorisch –, die
anderen abbauend-dissimilatorisch. Sollen wir es wagen, in diesen beiden Richtungen der
Lebensprozesse die Betätigung unserer beiden Triebregungen, der Lebenstriebe und der
Todestriebe, zu erkennen? Aber etwas anderes können wir uns nicht verhehlen: daß wir
unversehens in den Hafen der Philosophie Schopenhauers eingelaufen sind, für den ja der Tod
»das eigentliche Resultat« und insofern der Zweck des Lebens ist[61], der Sexualtrieb aber die
Verkörperung des Willens zum Leben.
Versuchen wir kühn, einen Schritt weiterzugehen. Nach allgemeiner Einsicht ist die Vereinigung
zahlreicher Zellen zu einem Lebensverband, die Vielzelligkeit der Organismen, ein Mittel zur
Verlängerung ihrer Lebensdauer geworden. Eine Zelle hilft dazu, das Leben der anderen zu
erhalten, und der Zellenstaat kann weiterleben, auch wenn einzelne Zellen absterben müssen. Wir
haben bereits gehört, daß auch die Kopulation, die zeitweilige Verschmelzung zweier Einzelliger,
lebenserhaltend und verjüngend auf beide wirkt. Somit könnte man den Versuch machen, die in
der Psychoanalyse gewonnene Libidotheorie auf das Verhältnis der Zellen zueinander zu
übertragen und sich vorzustellen, daß es die in jeder Zelle tätigen Lebens- oder Sexualtriebe sind,
welche die anderen Zellen zum Objekt nehmen, deren Todestriebe, das ist die von diesen
angeregten Prozesse, teilweise neutralisieren und sie so am Leben erhalten, während andere
Zellen dasselbe für sie besorgen und noch andere in der Ausübung dieser libidinösen Funktion
sich selbst aufopfern. Die Keimzellen selbst würden sich absolut »narzißtisch« benehmen, wie
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin